Im Spiegel der Presse
SAISON – Zeitschrift für Freizeitwirtschaft und Tourismus, Januar 2000
zum Thema: Alpenvereinsführer
 
Alle Wege zur Höhe im Taschenformat

Die Reihe der Alpenvereinsführer feiert ihren fünfzigjährigen Bestand. Von Walter Klier

Dieser Tage feiert die Welt des Alpinismus ein bemerkenswertes Jubliäum. Mit dem Band "Karwendelgebirge" erschien vor fünfzig Jahren im Bergverlag Rudolf Rother in München der erste Band in der Reihe der Alpenvereinsführer, des umfassendsten Führerwerks über die Ostalpen, das es je gegeben hat und, so weit man das absehen kann, auch geben wird.

Wie man auf die Berge findet? Wozu sind Führer gut? Der Name kommt ja von jenen Einheimischen, die in der Urzeit des Bergsteigens, als einzige, die sich in den wilden Höhen der Gebirge auskannten, die Touristen führten, die aus den Städten kamen und das merkwürdige Bedürfnis verspürten, jede einzelne dieser Spitzen - manche von ihnen noch unbenannt und von keines Menschen Fuß je betreten - zu erklimmen. Bald setzten die Städter sich in den Kopf, ohne fremde Hilfe ihren Weg zu finden, und bald wurden Wegbeschreibungen verfaßt und eben auch "Führer". Das Buch mußte ein Büchlein sein, damit man es bequem in die Tasche stecken und bei Bedarf herausziehen konnte; zugleich sollte alle nötige Information darin enthalten sein. Das wurde im Lauf der Jahrzehnte zum Problem, denn die Zahl der Routen wuchs immer weiter, immer neue und schwierigere Wege wurden begangen.
So kam "Der Hochtourist in den Ostalpen" von Ludwig Purtscheller und Heinrich Hess 1894 noch mit 450 Seiten in zwei Bänden aus, um den gesamten Alpenraum östlich des Rheins zu beschreiben; er wuchs, herausgegeben vom Deutschen und Österreichischen Alpenverein, bis zur 5. Auflage (1925/30) auf acht Bände an. So war die Edition von Wander- und Kletterführern seit der Frühzeit des Alpinismus ein Teil jener umfassenden Erschließungstätigkeit, mit der die alpinen Vereine die Grundlage für den modernen Tourismus in unseren Breiten erst geschaffen haben; parallel dazu lief der Bau der Hütten, das Anlegen und Markieren der Wege, die Organisation des Bergführer- und Bergrettungswesens und einiges mehr, was heute, ohne daß es im täglichen touristischen Treiben weiter auffällt, nicht nur historisch, sondern auch in der Gegenwart die Basis des ganzen Geschehens bildet. Der Tourist in den Alpen ist zunächst und in seiner großen Menge ein Wanderer (der Wintertourismus ist jüngeren Datums, folgt aber dem selben Muster) - und auch wenn er in seinem Leben nicht auf den Habicht, die Wildspitze oder einen der schärferen Zacken des Wilden Kaisers steigen wird, so möchte er nicht nur wissen, wie diese Berge heißen, sondern auch, wo und unter welchen Schwierigkeiten man hinaufkommt, wenn man hinaufkommt. Auch der behäbigste Almwanderer kann so, bloß indem sich einen Führer kauft, an der Aura des Wilden, Wagemutigen und rundheraus Unfaßbaren teilhaben, die die extremeren Spielarten des Alpinismus ausstrahlen. Wie es schon Arthur Schnitzlers Tragikomödie "Das weite Land" so unnachahmlich geschildert wird: die Hotelgäste am Völser Weiher gruseln sich stilvoll über die gefährliche Besteigung des "Aignerturms", und im übrigen, wie der Hotelportier so treffend sagt: "Es sind auch von der Rotwand schon Leute heruntergefallen. Es gibt eben überall Dilettanten."

Die Erfindung der Alpenvereinsführer
Und so - auch um den Dilettantismus nicht zu sehr ins Kraut schießen zu lassen - erschienen schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Beschreibungen einzelner Gebirgsgruppen wie Heinrich Schwaigers "Führer durch das Karwendelgebirge", der 1888 erschien und es schon auf 120 Seiten brachte. Er blieb auf Jahrzehnte hinaus ein "vertrauenwürdiger Wegweiser von dem Charakter (…), welchen wir heute von Reisehandbüchern fordern müssen", wie es im Vorwort heißt.
In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts fing ein Knabe in der Erlspitzgruppe, im Südwesteck des Karwendelgebirges, zwischen Seefeld und Zirl, mit dem Bergsteigen an. Seine Eltern hatten ihn den Sommer über auf das Solsteinhaus geschickt, damit sich seine etwas schwächliche Konstitution kräftige. Mit seinem Vetter unternahm er bald auch schwierigere Klettereien; da dies die Eltern nicht gerne sahen, kaufte er sich Schwaigers Karwendelführer heimlich. Er merkte immer wieder, daß das nun schon ehrwürdige Werk (die letzte Ausgabe war 1923 erschienen) hinten und vorn nicht mehr stimmte, und so schrieb er, unternehmungslustig wie er war, dem Bergverlag Rudolf Rother in München einen Brief mit dem Angebot, den Teil "Erlspitzgruppe" des Führers neu zu bearbeiten. Die Antwort kam prompt: Der Verlag sei teilweise ausgebombt, und es gebe zurzeit kein Papier für Kletterführer. Vielleicht würde man nach dem Krieg darüber reden können. Man schrieb das Jahr 1943.
Der Knabe wurde mit 17 zum Militär eingezogen, überstand die schreckliche Zeit einigermaßen glimpflich und staunte nicht schlecht, als er 1949 einen Brief vom Seniorchef des Bergverlags erhielt. "Wir machen zusammen mit dem Alpenverein wieder Führerwerke. Als Band I ist der Karwendelführer geplant. Wenn Sie wollen, können Sie diese Arbeit übernehmen." Da ihn das Studium der Geisteswissenschaften nicht wirklich auslastete, stimmte Heinrich Klier gerne zu - mein Vater war nämlich der unternehmende Erlspitzkenner, aus dem nun bald ein ausgewiesener Karwendelkenner wurde. Der erste Band in der groß angelegten Reihe der neuen Alpenvereinsführer entstand in Zusammenarbeit zwischen ihm und Fritz März, einem Münchner Jusstudenten, der später lange Jahre als Vorsitzender den Deutschen Alpenverein führen würde.
Die Neubearbeitung erforderte eine fast vollständige Begehung des als unwegsam bekannten Gebirges, häufig und bis zum IV. Grad im Alleingang, und gipfelte in einer Überschreitung des Karwendelhauptkamms mit mehr als zwanzig Gipfeln, die in einem fürchterlichen Gewitter an der Pleisenspitze über Scharnitz endete. Das Ergebnis der Mühe umfaßte dann 450 Druckseiten; nun gab es auch schon Fotos mit eingezeichneten Routen, später kamen Routenskizzen für einzelne Wände und Klettertouren hinzu. Es folgten, vom selben Autor, die Bände über die Ötztaler, Stubaier und Zillertaler Alpen; eine große Anzahl anderer Autoren half mit, die Reihe immer weiter anwachsen zu lassen. Zur Zeit umfaßt sie 36 Titel, die zwischen Allgäuer Alpen und Wetterstein, zwischen Civettagruppe und Zillertaler Alpen dem Ideal der Vollständigkeit in bezug auf die Beschreibung der einzelnen Gebirgsgruppen wie auch auf die Abdeckung möglichst der ganzen Ostalpen schon recht nahekommen. Daß dabei das Prinzip der Wirtschaftlichkeit, dem der Verlag folgen muß, Kompromisse und Einschränkungen erzwingt, ist klar, umso mehr als der Alpenverein sich bis heute scheut, bei Vorhaben, die keinen Gewinn versprechen, Geld zuzuschießen. Ein Vermögen war mit dem Führerschreiben noch nie zu verdienen. "Geld gab es jahrelang keines", erinnert sich Heinrich Klier, "weil der Verleger immer behauptete, selber keines zu haben. Für meine Fahrten nach München mußte mein altes Fahrrad herhalten. Übernachtungsplatz war ein Heustadel in der Gegend von Hohenschäftlarn, wo ich kostenlos logierte."
Die Lage für die Autoren besserte sich, als der bekannt sparsame Seniorchef die Verlagsleitung an seinen Sohn, Rudolf Rother jun. übergab - der sich auch als Panoramafotograf einen Namen gemacht hat; zuletzt ist er mit dem eindrucksvollen Winterpaorama "Big Horizon" hervorgetreten.
Von "guten", also gutgehenden Führern waren und sind immerhin im Schnitt 1000 Stück im Jahr zu verkaufen, doch wenig populäre Gebirge erfordern bis heute ein hohes Maß an Begeisterung vom jeweiligen Bearbeiter, da die Arbeit des dauernden Überprüfens und Begehens ja deshalb nicht weniger wird, eher mehr, weil man von anderen Bergsteigern weniger Informationen erhält. Die Arbeit des Führerautors besteht nur selten darin, einen Führer ganz neu zu machen; meistens handelt es sich um die Vorbereitung einer Neuauflage, also das Überarbeiten des vorliegenden Materials. Freilich mußte man gerade in den letzten, bewegten Jahrzehnten immer wieder einschneidenden Veränderungen in der Landschaft wie dem Bau von Stauseen, Höhenstraßen oder Skizentren Rechnung tragen. Auch die Entwicklung des Bergsteigens war rasant. Das Sportklettern - zunächst nicht mehr als eine Trainingsform für den Ernst des Hochgebirges - hat sich zu einer autonomen Sportart entwickelt, die ihre eigenen Regeln und Führerwerke besitzt, die nach dem französischen Wort für Routenskizze "Topo" heißen.

Neue Probleme, neue Lösungen
Neben das Kernprogramm der Alpenvereinsführer sind im Bergverlag Rudolf Rother (der jetzt zum traditionsreichen Haus Freytag & Berndt gehört) einige weitere Reihen getreten, um den verschiedensten Sonderinteressen der Wanderer, Bergsteiger, Kletterer und Schitouristen zu genügen, als da sind Wanderführer, Gebiets-, Auswahl- und Trekkingführer, der in mehreren Bänden vorliegende Klettersteigatlas, Radführer, alpine Lehrschriften, Skiführer und nicht zuletzt die Bände des vom Schweizer Alpen-Club herausgegebenen Führerwerks der Westalpen, das die Alpenvereinsführer geographisch nach Westen hin fortsetzt. Neuen technologischen Bedürfnissen kommt die auf CD edierte Reihe TourenDisk entgegen, die der Verlag etwas vollmundig als das "Konzept der Zukunft" anpreist. Vorderhand dürfte für den Gebrauch in steiler Wand oder auch nur auf luftiger Höhe das alte Konzept des flexibel gebundenen Taschenbüchleins noch einige Zeit vorhalten. (Klier senior pflegte übrigens auf gemeinsamen Klettertouren immer nur eine oder zwei aus dem Führer herausgerissene Seiten mitzunehmen, um Gewicht zu sparen, was manchmal zu Überraschungen führte und eine Revision der Tourenplanung erforderte, wenn man etwa in die falsche Tour eingestiegen war oder am Einstieg ein kecker Windstoß das Blatt in eine Gletscherspalte geweht hatte.)
Nicht daß die Zeit nicht immer wieder neue Probleme mit sich bringen würde, die neue Lösungen erfordern. Bei der 13. Auflage von 1990 (die Verfasserschaft war inzwischen vom Vater Klier auf den Sohn übergegangen, keine Seltenheit in der alpinen Literatur) hatte der Karwendelführer den Umfang von 650 Seiten erreicht, also die Grenze dessen, was in einem solchen Büchlein noch unterzubringen war, ohne daß es jedenfalls die Tasche des Bergsteigers zu sprengen drohte. Das Problem wurde verschärft durch die Entwicklung des Sportkletterns und die generelle Spezialisierung im alpinen Tun; und so entschloß man sich anfang der neunziger Jahre, die Führer zu "teilen". Die Ausgabe "alpin" umfaßt nun die Beschreibung der Täler, Talorte, Hütten und Übergänge sowie der Gipfelwege bis zum II. Schwierigkeitsgrad, der separat publizierte Teil "extrem" die eigentlichen Klettertouren. So kann man hoffen, daß das altehrwürdige Werk in neuer Gestalt auch im neuen Jahrhundert das bietet, was es bisher bot: eine wenig beachtete und doch unverzichtbare Grundbedingung, um jedermann das Bereisen der Gebirge zu erlauben und es jedem im Rahmen seiner Fähigkeiten zu ermöglichen, den Weg auf die Berge zu finden - und auch wieder herunter. Die Führerwerke über die Tiroler Berge, die im ganzen weiten Deutschland in jeder besseren Buchhandlung, in jedem einigermaßen sortierten Sportgeschäft erhältlich sind (und dort auch hauptsächlich verkauft werden), werben auf eine stille und nachdrückliche Weise jahrein, jahraus für unser Land, was nur deshalb nicht besonders wahrgenommen wird, weil sie eben seit Jahrzehnten auf das Selbstverständlichste dazugehören.