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| Früher Antisemitismus
bei Alpenvereinen |
1899
wird die Sektion Mark Brandenburg des DuÖAV gegründet,
ausschließlich für christlich getaufte, deutsche
Staatsbürger".
1905 wird die Sektion Wien, die aus dem Turnverein
hervorgegangen ist, mit einem Arierparagraphen
gegründet.
1907 nimmt die Akademische Sektion Wien den
Arierparagraphen in die Satzung auf.
1910 gründet sich die Akademische Sektion München des
DuÖAV für akademisch gebildete Herren
germanischer Abstammung".
1920 im April führt der Österreichische Touristenklub
(ÖTK) in Wien den Arierparagraphen ein und ab 1922 im
Gesamtbereich des ÖTK, also in allen seinen Sektionen.
1921 führt der Österreichische Gebirgsverein (ÖGV) den
Arierparagraphen ein.
1921 wird auch im Österreichischen Alpenklub (ÖAK) kein
Jude mehr aufgenommen.
1921 im April wird Pichl Vorsitzender der Sektion Austria
des DuÖAV und beginnt, den Antisemitismus durchzusetzen.
1921 im April gründen die geächteten Juden aus der
Austria und dem Wiener ÖTK die DuÖAV-Sektion Donauland.
Die Aufnahme dieser neuen Sektion in den DuÖAV wird
gegen die mehrheitlich ablehnende Haltung der Wiener
Sektionen vom Hauptausschuß des DuÖAV mit einer Stimme
Mehrheit zu Pfingsten 1921 genehmigt.
1921 im Oktober wird in der Sektion Austria mit 98% aller
abgegebenen Stimmen der Arierparagraph durchgesetzt.
1922 führt die Akademische Sektion Dresden des DuÖAV
den Arierparagraphen ein.
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| Die Affäre Donauland |
In der Sektion
Austria herrscht schon lange eine völkisch-nationale
Strömung vor. Als der Antisemitismus durchschlägt und
die Juden eine eigene Sektion Donauland"
gründen, will Pichl zuerst die Aufnahme von Donauland in
den DuÖAV verhindern und betreibt dann den Ausschluß
dieser Sektion aus dem Alpenverein. Zunächst findet er
keine Zustimmung beim Hauptausschuß und wenig Anklang
bei den reichsdeutschen Sektionen.
In der Sektion Donauland finden sich viele bedeutende
Köpfe der Wiener Intelligenz. Der Psychologe Viktor
Frankl, der Musikschriftsteller Joseph Braunstein, der
später berühmt gewordene Hollywood-Regisseur Fred
Zinnemann sind nur einige Beispiele. Die Arisierung war
eine Teilvernichtung der Intelligenz in der Sektion
Austria, was dann Volkstumsbestrebungen und kopflose
Sportbegeisterung zu fördern vermochte. Dieser erste
Arisierungsschub im DuÖAV wirkt wie ein Vorbote der
deutschen Intelligenzausmerzung von 1933 bis 1938.
Diese antisemitische Entwicklung im Alpenverein läuft ab
noch ehe Adolf Hitler seinen Antisemitismus schriftlich
faßte. Erst in Landsberg am Lech in Festungshaft
diktiert er für den ersten Band von Mein
Kampf": Indem ich mich des
Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.
Eduard Pichl, der Vorsitzende der Sektion Austria, treibt
weiter. Er versucht, den Judenausschluß auf den gesamten
DuÖAV auszudehnen.
Der Vorsitzende des DuÖAV, Reinhold von Sydow, und mit
ihm der Hauptausschuß stehen gegen diese Bestrebungen.
1921 will die Sektion Austria für den Gesamtverein mit
Hilfe einer Satzungsänderung die Neuaufnahme von
Personen nichtarischer Abstammung verhindern. Der
Hauptausschuß lehnt ab. Aber die Agitation nimmt weiter
zu. Pichl gewinnt immer mehr Anhänger seiner Idee. Pichl
findet allerdings auch viel Widerspruch von Funktionären
im DuÖAV.
1921 wird der Jude Donabaum 3. Vorsitzender des
Deutschen- und Österreichischen Alpenvereins, also des
Gesamtvereins. Er kommt aus der Austria und ist jetzt
Mitglied von Donauland. Reinhold von Sydow meldet sich
mit einem Rundschreiben an die Sektionen und verteidigt
die Aufnahme der Sektion Donauland. Johann Stüdl, der
damals über Achtzigjährige Mitgründer des DAV von 1869
und einer der Väter der Vereinigung des DAV mit dem ÖAV
zum DuÖAV von 1873/74, spricht engagiert für die
Aufnahme der Sektion Donauland in den DuÖAV. Nach der
Aufnahme von Donauland in den DuÖAV (1921) bringen die
antisemitisch geführten Sektionen des Alpenvereins unter
verschiedensten Begründungen Anträge ein, den
Arierparagraphen im Gesamtverein einzuführen und die
Sektion Donauland zu entlassen. Viele österreichische
Sektionen, aber auch die bayerischen Sektionen Hochland,
Oberland, Alpiner Skiclub München, Bergfried,
Traunstein, Frankenthal, die norddeutschen Sektionen
Rostock, Hohenzollern, Mark Brandenburg stellen sich
hinter Austria. Von Sydow wehrt sich gegen die
Majorisierung durch eine Minderheit. Der sichtbare und
hörbare Widerstand gegen den Ausschluß der Juden und
gegen die Ghettoisierung der Sektion Donauland und die
Agitation der Austria bildet Fronten. |
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| Aktive
Nationalsozialisten und Mitläufer" |
Es gibt
begeisterte Nationalsozialisten auch im DuÖAV:
Eduard Pichl,
ein guter und angesehener Bergsteiger, ist seit 1920 in
Wien der treibende Antisemit und später ein verderblich
wirkender nationalsozialistischer Aktivist. Er setzt den
Antisemitismus im Alpenverein durch. Ohne ihn wäre der
Antisemitismus im Alpenverein, wenn überhaupt, dann
jedenfalls nicht so drastisch ausgebrochen.
Paul Bauer formt
von 1934 bis 1938 in der Fachsäule XI des Deutschen
Reichsbundes für Leibesübungen den Deutschen
Bergsteigerverband, welcher die Aufgabe hat, den
Alpinismus, der hierbei vorrangig als Bergsport
verstanden wurde, nationalsozialistisch auszurichten.
Bauer ist als guter Bergsteiger, als erfahrener und
international angesehener Expeditionsleiter und als
juristisch gebildeter Organisator prädestiniert für
dieses Amt. Bauer ist tief überzeugt vaterländisch.
1938 zieht sich Bauer aus der Vereins- und Verbandsarbeit
zurück. Bei Kriegsbeginn, 1939, wird er zur Wehrmacht
eingezogen.
Fritz Rigele
wird 1936 zum Leiter des reichsdeutschen Sektionentages
berufen. Rigele ist ein beachteter Bergsteiger, der
seinerzeit (mit Welzenbach) die Große
Wiesbachhorn-Nordwestwand und die Lyskamm-Nordwand
erstbegangen hat. Er ist Schwager von Hermann Göring,
überzeugter Antisemit und nationalsozialistischer
Ideologe mit starker Einflußnahme im DuÖAV. 1937
verunglückt Rigele im Gebirge.
Arthur Seyß-Inquart
ist der bekannteste und ranghöchste Nationalsozialist
des Alpenvereins, ursprünglich Führer der
österreichischen Nationalsozialisten, letzter
Bundeskanzler Österreichs und später Reichsstatthalter
der Niederlande, auch Präsident der Deutschen
Akademie". Er wird bei der Gleichschaltung des
Deutschen Alpenvereins 1938 zum Führer des
DAV" berufen. Er ist ein feuriger Nationalsozialist
und ein überzeugter Antisemit. Seyß-Inquart wird 1946
infolge der Kriegsverbrecher-Prozesse als einer der
zwölf Hauptschuldigen zum Tode verurteilt und
hingerichtet.
Meinhard Sild,
aus der namhaften Bergsteigerfamilie derer von Ficker,
der 1938 persönlicher Referent von Seyß-Inquart in
Vereinsangelegenheiten wird, steht in den Reihen der
aktiven Nationalsozialisten. Er ist nationalistischer
Ideologe, gleichwie ein praktischer Treuhänder der
nationalsozialistischen Organisation. Er fällt als
Soldat 1944 im Kriege.
Viele, viele andere, die im Alpenverein Bedeutung hatten,
ließen sich begeistern und liefen zeitweise oder auch
immerfort mit oder wurden eingeordnet.
Der Sondergerichtsvorsitzende Hermann Cuhorst (Sektion
Schwaben in Stuttgart),
der SA-Scharführer Willo Welzenbach (Sektion Bayerland),
vorher Anhänger der Bayerischen Volkspartei,
der NS-Bergsteigergauführer Südwest Adolf Witzenmann
(Sektion Pforzheim),
der NS-Gebietsführer Alfred (Rud.) Fehrmann (Sektion
Dresden),
der NS-Gauführer-Obmann Adolf Sotier (Sektion Oberland).
Hunderte ließen sich aufzählen. Nicht alle waren
Parteigenossen, aber doch Mitmarschierer, wie lauthals
z.B. der Vereinsvorsitzende Raimund von Klebelsberg oder
still der Parteigenosse Hans von Bomhard (Sektion
Hochland), sei es aus Überzeugung oder aus
Zweckopportunismus, vermeintlich zum Nutzen des
Alpenvereins bzw. des Alpinismus oder nur zu eigenem
Schutz.
Hierzu allerdings eine pauschale Verurteilung zu treffen,
wäre höchst bedenklich, da müssen tatsächlich der
Werdegang und die Verhaltensweise eines jeden einzelnen
ausgeleuchtet werden.
Überhaupt interessiert die Person nicht als Person,
sondern nur im Hinblick auf ihre politische Wirkung.
Viele haben, wie Paul Nuber und Georg Leuchs (beide im
Vorstand der Sektion München), schon 1933 für die
nationalsozialistische Idee Partei ergriffen und 1938 und
1939 große nationalistische Sprüche geredet. Andere
haben den Ideologien des Dritten Reiches öffentlich
gehuldigt, wie der Schriftsteller Walther Flaig, der
Eiger-Nordwand Mitbezwinger Heinrich Harrer, der
Journalist Julius Trumpp, der als Journalist des
Völkischen Beobachters und Schriftleiter der
Mitteilungen des Fachamtes Bergsteigen
nationalsozialistisches Gedankengut engagiert
propagierte. Solche Verhaltensweisen sind nur vom Studium
der Veröffentlichungen nicht zuverstehen. Ohne Sicht auf
die jeweiligen Lebenswelten, ohne Erwägung der
Zwangslagen und der jeweiligen Absichten von
Funktionären, entstehen sehr schnell falsche Bilder und
unzulässige Verurteilungen oder auch unzulässige
Schuldfreistellungen. Tiefgreifende Recherchen und
Beiziehung von Zeitzeugen können manchmal die
tatsächlichen Verhältnisse erhellen oder auch
verstellen. In jedem einzelnen Falle ist immer auch die
Begeisterung für eine mögliche Revision des Ausgangs
des Ersten Weltkriegs oder die pure nationale
Begeisterung, oder aber auch schnöde Nutznießung des
neuen Systems, in Betracht zu ziehen.
Überdies gehören auch höchste Männer des
Hitlerstaates als Bergsteiger dem Alpenverein an, wie
z.B. der Reichsinnenminister Frick (Sektion München),
der die Geschicke des Alpenvereins kraft seines Amtes
wesentlich beeinflußt hat, oder Göring (Sektion Mark
Brandenburg), der wenig Einfluß auf den Alpenverein
hatte, oder die berühmte Flugkapitänin Hanna Reitsch
(Sektion Heidelberg), die einfach nur Mitglied im DuÖAV
war und den Alpenverein nicht beeinflußt hat.
Männer wie Seyß-Inquart allerdings haben unleugbar
Parteiideologie verbreitet, Antisemitismus praktisch
ausgeübt und Hitler in allem und jedem unverbrüchliche
Treue erwiesen. |
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| Es gab auch Widerstand |
Es gab aber auch
im DuÖAV und im späteren DAV nicht nur aktive
Nationalsozialisten, Mitläufer" und
Opportunisten, sondern auch Gegner. Viele der letzteren
gingen in innere Emigration. Diese Abstinenz, also der
den Alpinisten eingeborene Eskapismus, die mit heutigem
Verständnis von Bürgerpflicht nicht zu vereinbaren ist,
stellt nicht schuldfrei. Selbstverständlich gab es aber
auch entschiedene Gegner des Regimes, von denen viele
leisen, aber zähen Widerstand leisteten, und es gab auch
Tatwiderstand.
Beispiel 1
Fritz Schmitt, alpiner Schriftsteller: Er arrangierte
sich weitgehend, so daß er sowohl persönlich als auch
beruflich überleben konnte. Innerlich verstand er sich
als entschiedener Gegner der Nationalsozialisten.
Beispiel 2
Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, der 1937
kommissarisch das Amt des verunglückten Fritz Rigele
(Leitung des reichsdeutschen Sektionentages) übernahm.
Er könnte auf Grund seiner Reden und Aufsätze bei
flüchtiger Betrachtung als glühender Nationalsozialist
apostrophiert werden. In Wirklichkeit aber war dieser
Graf von der Schulenburg zwar ein feuriger, konservativer
Nationalist und von daher seit 1932 ein dezidierter
Parteigänger" des Nationalsozialismus. Aber in
einem langwierigen Prozeß der Desillusionierung wurde er
ein kompromißloser Gegner und war, zumindest seit 1938,
zugleich im aktiven Widerstand zum Hitlerstaat. Er mußte
dafür nach dem Hitlerattentat 1944 mit Verurteilung und
Hinrichtung bezahlen. |