Leseprobe
aus: Alpinismus im Hitlerstaat von Helmuth Zebhauser
 


Am 24. August 1938 schreibt der international hochangesehene Bergsteiger G.O. Dyhrenfurth aus Zürich an die Geschäftsstelle des Zweiges Schwaben des Deutschen Alpenvereins:
Seit 34 Jahren habe ich dem Deutschen & Österreichischen Alpenverein angehört. (Sekt. Breslau, Bayerland, Salzburg, Schwaben). Nunmehr scheide ich aus Ihren Reihen. Ich erkläre also hiermit meinen Austritt.
Im DEUTSCHEN ALPENVEREIN ist die weltanschauliche Bindung so stark geworden, daß man nach meiner Überzeugung dem DAV nur noch angehören sollte, wenn man Deutscher und Nationalsozialist ist. Als Schweizer und Demokrat stehe ich dem Deutschen Nationalsozialismus fern. Ich passe in den Schweizer Alpenclub, Alpine Club und Himalayan Club, deren langjähriges Mitglied ich bin, aber ich halte es für ein Gebot der Ehrlichkeit, den DAV zu verlassen. Ich will nicht etwa protestieren und polemisieren; aber im Hinblick auf meine lange Zugehörigkeit zum Alpenverein schien es mir richtig, den Grund meines Austrittes kurz zu erklären.
Hochachtungsvoll gez. G.O. Dyhrenfurth.

Der Vorsitzende der Sektion Schwaben, Cuhorst, antwortet kurz und sendet das Schreiben mitsamt seiner Antwort an den Verwaltungsausschuß nach Innsbruck mit folgender Anmerkung:
Wir legen beifolgenden Briefwechsel vor. Herr Professor Dyhrenfurth scheint sich hiernach dem internationalen Judentum verschrieben zu haben.
Und er fügt handschriftlich an: So weit kann ein Deutscher mit einer Jüdin kommen.
Knöpfler, der nunmehrige Sachwalter für Vereinsrecht, teilt die Kenntnisnahme mit und fügt an:

Für Professor Dyhrenfurth wäre ohnehin kein längeres Bleiben im DAV möglich gewesen.
   
War der Alpenverein ein Nazi-Verein?
Der Band „Alpinismus im Hitlerstaat“ von Helmuth Zebhauser hilft Antworten zu finden

Themenauszüge:
Früher Antisemitismus bei Alpenvereinen
Die Affäre Donauland
Aktive Nationalsozialisten und „Mitläufer"
Es gab auch Widerstand
Hermann Göring (Reichstagspräsident)
bei der Erkletterung der Watzmann Jungfrau
 
Früher Antisemitismus bei Alpenvereinen

1899 wird die Sektion Mark Brandenburg des DuÖAV gegründet, ausschließlich für „christlich getaufte, deutsche Staatsbürger".

1905 wird die Sektion Wien, die aus dem Turnverein hervorgegangen ist, mit einem Arierparagraphen gegründet.

1907 nimmt die Akademische Sektion Wien den Arierparagraphen in die Satzung auf.

1910 gründet sich die Akademische Sektion München des DuÖAV für „akademisch gebildete Herren germanischer Abstammung".

1920 im April führt der Österreichische Touristenklub (ÖTK) in Wien den Arierparagraphen ein und ab 1922 im Gesamtbereich des ÖTK, also in allen seinen Sektionen.

1921 führt der Österreichische Gebirgsverein (ÖGV) den Arierparagraphen ein.

1921 wird auch im Österreichischen Alpenklub (ÖAK) kein Jude mehr aufgenommen.

1921 im April wird Pichl Vorsitzender der Sektion Austria des DuÖAV und beginnt, den Antisemitismus durchzusetzen.

1921 im April gründen die geächteten Juden aus der Austria und dem Wiener ÖTK die DuÖAV-Sektion Donauland. Die Aufnahme dieser neuen Sektion in den DuÖAV wird gegen die mehrheitlich ablehnende Haltung der Wiener Sektionen vom Hauptausschuß des DuÖAV mit einer Stimme Mehrheit zu Pfingsten 1921 genehmigt.

1921 im Oktober wird in der Sektion Austria mit 98% aller abgegebenen Stimmen der Arierparagraph durchgesetzt.

1922 führt die Akademische Sektion Dresden des DuÖAV den Arierparagraphen ein.

   
Die Affäre Donauland
In der Sektion Austria herrscht schon lange eine völkisch-nationale Strömung vor. Als der Antisemitismus durchschlägt und die Juden eine eigene Sektion „Donauland" gründen, will Pichl zuerst die Aufnahme von Donauland in den DuÖAV verhindern und betreibt dann den Ausschluß dieser Sektion aus dem Alpenverein. Zunächst findet er keine Zustimmung beim Hauptausschuß und wenig Anklang bei den reichsdeutschen Sektionen.

In der Sektion Donauland finden sich viele bedeutende Köpfe der Wiener Intelligenz. Der Psychologe Viktor Frankl, der Musikschriftsteller Joseph Braunstein, der später berühmt gewordene Hollywood-Regisseur Fred Zinnemann sind nur einige Beispiele. Die Arisierung war eine Teilvernichtung der Intelligenz in der Sektion Austria, was dann Volkstumsbestrebungen und kopflose Sportbegeisterung zu fördern vermochte. Dieser erste Arisierungsschub im DuÖAV wirkt wie ein Vorbote der deutschen Intelligenzausmerzung von 1933 bis 1938.

Diese antisemitische Entwicklung im Alpenverein läuft ab noch ehe Adolf Hitler seinen Antisemitismus schriftlich faßte. Erst in Landsberg am Lech in Festungshaft diktiert er für den ersten Band von „Mein Kampf":
Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.
Eduard Pichl, der Vorsitzende der Sektion Austria, treibt weiter. Er versucht, den Judenausschluß auf den gesamten DuÖAV auszudehnen.
Der Vorsitzende des DuÖAV, Reinhold von Sydow, und mit ihm der Hauptausschuß stehen gegen diese Bestrebungen. 1921 will die Sektion Austria für den Gesamtverein mit Hilfe einer Satzungsänderung die Neuaufnahme von Personen nichtarischer Abstammung verhindern. Der Hauptausschuß lehnt ab. Aber die Agitation nimmt weiter zu. Pichl gewinnt immer mehr Anhänger seiner Idee. Pichl findet allerdings auch viel Widerspruch von Funktionären im DuÖAV.
1921 wird der Jude Donabaum 3. Vorsitzender des Deutschen- und Österreichischen Alpenvereins, also des Gesamtvereins. Er kommt aus der Austria und ist jetzt Mitglied von Donauland. Reinhold von Sydow meldet sich mit einem Rundschreiben an die Sektionen und verteidigt die Aufnahme der Sektion Donauland. Johann Stüdl, der damals über Achtzigjährige Mitgründer des DAV von 1869 und einer der Väter der Vereinigung des DAV mit dem ÖAV zum DuÖAV von 1873/74, spricht engagiert für die Aufnahme der Sektion Donauland in den DuÖAV. Nach der Aufnahme von Donauland in den DuÖAV (1921) bringen die antisemitisch geführten Sektionen des Alpenvereins unter verschiedensten Begründungen Anträge ein, den Arierparagraphen im Gesamtverein einzuführen und die Sektion Donauland zu entlassen. Viele österreichische Sektionen, aber auch die bayerischen Sektionen Hochland, Oberland, Alpiner Skiclub München, Bergfried, Traunstein, Frankenthal, die norddeutschen Sektionen Rostock, Hohenzollern, Mark Brandenburg stellen sich hinter Austria. Von Sydow wehrt sich gegen die Majorisierung durch eine Minderheit. Der sichtbare und hörbare Widerstand gegen den Ausschluß der Juden und gegen die Ghettoisierung der Sektion Donauland und die Agitation der Austria bildet Fronten.
   
Aktive Nationalsozialisten und „Mitläufer"
Es gibt begeisterte Nationalsozialisten auch im DuÖAV:

Eduard Pichl, ein guter und angesehener Bergsteiger, ist seit 1920 in Wien der treibende Antisemit und später ein verderblich wirkender nationalsozialistischer Aktivist. Er setzt den Antisemitismus im Alpenverein durch. Ohne ihn wäre der Antisemitismus im Alpenverein, wenn überhaupt, dann jedenfalls nicht so drastisch ausgebrochen.

Paul Bauer formt von 1934 bis 1938 in der Fachsäule XI des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen den Deutschen Bergsteigerverband, welcher die Aufgabe hat, den Alpinismus, der hierbei vorrangig als Bergsport verstanden wurde, nationalsozialistisch auszurichten. Bauer ist als guter Bergsteiger, als erfahrener und international angesehener Expeditionsleiter und als juristisch gebildeter Organisator prädestiniert für dieses Amt. Bauer ist tief überzeugt vaterländisch. 1938 zieht sich Bauer aus der Vereins- und Verbandsarbeit zurück. Bei Kriegsbeginn, 1939, wird er zur Wehrmacht eingezogen.

Fritz Rigele wird 1936 zum Leiter des reichsdeutschen Sektionentages berufen. Rigele ist ein beachteter Bergsteiger, der seinerzeit (mit Welzenbach) die Große Wiesbachhorn-Nordwestwand und die Lyskamm-Nordwand erstbegangen hat. Er ist Schwager von Hermann Göring, überzeugter Antisemit und nationalsozialistischer Ideologe mit starker Einflußnahme im DuÖAV. 1937 verunglückt Rigele im Gebirge.

Arthur Seyß-Inquart ist der bekannteste und ranghöchste Nationalsozialist des Alpenvereins, ursprünglich Führer der österreichischen Nationalsozialisten, letzter Bundeskanzler Österreichs und später Reichsstatthalter der Niederlande, auch Präsident der „Deutschen Akademie". Er wird bei der Gleichschaltung des Deutschen Alpenvereins 1938 zum „Führer des DAV" berufen. Er ist ein feuriger Nationalsozialist und ein überzeugter Antisemit. Seyß-Inquart wird 1946 infolge der Kriegsverbrecher-Prozesse als einer der zwölf Hauptschuldigen zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Meinhard Sild, aus der namhaften Bergsteigerfamilie derer von Ficker, der 1938 persönlicher Referent von Seyß-Inquart in Vereinsangelegenheiten wird, steht in den Reihen der aktiven Nationalsozialisten. Er ist nationalistischer Ideologe, gleichwie ein praktischer Treuhänder der nationalsozialistischen Organisation. Er fällt als Soldat 1944 im Kriege.

Viele, viele andere, die im Alpenverein Bedeutung hatten, ließen sich begeistern und liefen zeitweise oder auch immerfort mit oder wurden eingeordnet.
Der Sondergerichtsvorsitzende Hermann Cuhorst (Sektion Schwaben in Stuttgart),
der SA-Scharführer Willo Welzenbach (Sektion Bayerland), vorher Anhänger der Bayerischen Volkspartei,
der NS-Bergsteigergauführer Südwest Adolf Witzenmann (Sektion Pforzheim),
der NS-Gebietsführer Alfred (Rud.) Fehrmann (Sektion Dresden),
der NS-Gauführer-Obmann Adolf Sotier (Sektion Oberland).
Hunderte ließen sich aufzählen. Nicht alle waren Parteigenossen, aber doch Mitmarschierer, wie lauthals z.B. der Vereinsvorsitzende Raimund von Klebelsberg oder still der Parteigenosse Hans von Bomhard (Sektion Hochland), sei es aus Überzeugung oder aus Zweckopportunismus, vermeintlich zum Nutzen des Alpenvereins bzw. des Alpinismus oder nur zu eigenem Schutz.
Hierzu allerdings eine pauschale Verurteilung zu treffen, wäre höchst bedenklich, da müssen tatsächlich der Werdegang und die Verhaltensweise eines jeden einzelnen ausgeleuchtet werden.
Überhaupt interessiert die Person nicht als Person, sondern nur im Hinblick auf ihre politische Wirkung.
Viele haben, wie Paul Nuber und Georg Leuchs (beide im Vorstand der Sektion München), schon 1933 für die nationalsozialistische Idee Partei ergriffen und 1938 und 1939 große nationalistische Sprüche geredet. Andere haben den Ideologien des Dritten Reiches öffentlich gehuldigt, wie der Schriftsteller Walther Flaig, der Eiger-Nordwand Mitbezwinger Heinrich Harrer, der Journalist Julius Trumpp, der als Journalist des Völkischen Beobachters und Schriftleiter der Mitteilungen des Fachamtes Bergsteigen nationalsozialistisches Gedankengut engagiert propagierte. Solche Verhaltensweisen sind nur vom Studium der Veröffentlichungen nicht zuverstehen. Ohne Sicht auf die jeweiligen Lebenswelten, ohne Erwägung der Zwangslagen und der jeweiligen Absichten von Funktionären, entstehen sehr schnell falsche Bilder und unzulässige Verurteilungen oder auch unzulässige Schuldfreistellungen. Tiefgreifende Recherchen und Beiziehung von Zeitzeugen können manchmal die tatsächlichen Verhältnisse erhellen oder auch verstellen. In jedem einzelnen Falle ist immer auch die Begeisterung für eine mögliche Revision des Ausgangs des Ersten Weltkriegs oder die pure nationale Begeisterung, oder aber auch schnöde Nutznießung des neuen Systems, in Betracht zu ziehen.
Überdies gehören auch höchste Männer des Hitlerstaates als Bergsteiger dem Alpenverein an, wie z.B. der Reichsinnenminister Frick (Sektion München), der die Geschicke des Alpenvereins kraft seines Amtes wesentlich beeinflußt hat, oder Göring (Sektion Mark Brandenburg), der wenig Einfluß auf den Alpenverein hatte, oder die berühmte Flugkapitänin Hanna Reitsch (Sektion Heidelberg), die einfach nur Mitglied im DuÖAV war und den Alpenverein nicht beeinflußt hat.
Männer wie Seyß-Inquart allerdings haben unleugbar Parteiideologie verbreitet, Antisemitismus praktisch ausgeübt und Hitler in allem und jedem unverbrüchliche Treue erwiesen.
   
Es gab auch Widerstand
Es gab aber auch im DuÖAV und im späteren DAV nicht nur aktive Nationalsozialisten, „Mitläufer" und Opportunisten, sondern auch Gegner. Viele der letzteren gingen in innere Emigration. Diese Abstinenz, also der den Alpinisten eingeborene Eskapismus, die mit heutigem Verständnis von Bürgerpflicht nicht zu vereinbaren ist, stellt nicht schuldfrei. Selbstverständlich gab es aber auch entschiedene Gegner des Regimes, von denen viele leisen, aber zähen Widerstand leisteten, und es gab auch Tatwiderstand.

Beispiel 1
Fritz Schmitt, alpiner Schriftsteller: Er arrangierte sich weitgehend, so daß er sowohl persönlich als auch beruflich überleben konnte. Innerlich verstand er sich als entschiedener Gegner der Nationalsozialisten.

Beispiel 2
Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, der 1937 kommissarisch das Amt des verunglückten Fritz Rigele (Leitung des reichsdeutschen Sektionentages) übernahm. Er könnte auf Grund seiner Reden und Aufsätze bei flüchtiger Betrachtung als glühender Nationalsozialist apostrophiert werden. In Wirklichkeit aber war dieser Graf von der Schulenburg zwar ein feuriger, konservativer Nationalist und von daher seit 1932 „ein dezidierter Parteigänger" des Nationalsozialismus. Aber in einem langwierigen Prozeß der Desillusionierung wurde er ein kompromißloser Gegner und war, zumindest seit 1938, zugleich im aktiven Widerstand zum Hitlerstaat. Er mußte dafür nach dem Hitlerattentat 1944 mit Verurteilung und Hinrichtung bezahlen.

 


Helmuth Zebhauser, geboren 1927, u.a. Zeitungswissenschaftler, der schon 1950 bei Karl d’Ester über alpine Zeitschriften gearbeitet hat und als Kulturreferent und späterer Kulturbeauftragter des Deutschen Alpenvereins seit 1983 wesentliche Materialien zur Geschichte des Alpinismus besorgt und zu einem vielgliedrigen zentralen Archiv des DAV zusammenträgt. Er hat eine Buchreihe „Alpine Klassiker“ mit 21 Bänden und den Inhalt und die Form des Alpinmuseums in Kempten sowie das ideengeschichtliche Museum des DAV auf der Praterinsel in München konzipiert und verwirklicht. Seit 1994 betreibt und fördert er die Geschichtsschreibung des Vereinsalpinismus, insbesondere der zeitgenössischen Themen.
Zebhauser war einerseits in die katholische Jugendbewegung eingebunden, andererseits war er Jungvolkpimpf, später Luftwaffenhelfer, Arbeitsdienstmann und zuletzt Kriegsfreiwilliger bei den Gebirgsjägern. Nach dem Krieg hat er bei dem im Nationalsozialismus geächteten Aloys Wenzl Philosophie studiert.