| Leseprobe |
| aus: Bernd Ritschel / Horst Heller: Zillertaler Alpen |
| Abenteuer Berg |
| ... Ja, auch die Ziele der Bergsteiger wandelten sich: Zu den jüngsten Zweigen des »Lebensbaums Bergsteigen« zählte das Klettern an gefrorenen Wasserfällen im Winter. Und wo hätten sich bessere und anspruchsvollere Eiskaskaden bilden können als in den Zillertaler Alpen, mit ihren steilen Flanken, ihren Wasserfällen und ihren schattigen Tälern? Fast 400 Meter stürzt sich der Blaserbach senkrecht in die Tiefe, in den Speicher Stillupp. Im Sommer Attraktion der Touristen auf der Wirtshausterrasse am gegenüberliegenden Seeufer, erstarrt er im Winter zu einer ebenso hohen und ebenso senkrechten Eissäule. Fast 400 Höhenmeter senkrechtes, teilweise überhängendes Wassereis, stundenlanges Hängen an den Eisbeilen, nur an wenigen Tagen im Jahr einigermaßen lawinensicher eine Krönung für technisch, physisch und psychisch gleichermaßen perfekte Spitzenalpinisten. »Krönung« sollte deshalb auch die Kletterei heißen, die Prem Darshano und Hanspeter Schrattenthaler an diesem vielleicht größten Eisfall der Ostalpen zelebrieren wollten. Auch hier war ein Gipfel weit und breit nicht zu erobern. Nur der Weg war das Ziel. Sollten sie durchkommen, würden die Kletterer irgendwo im womöglich nächtlichen Blaserkar stehen und sich durch Gebüsch, Wurzeln, Felsen und ungespurten Schnee wieder in den Stilluppgrund kämpfen. Um aber überhaupt den Einstieg der »Krönung« zu erreichen, mußten die beiden ans andere Ufer des Stilluppsees gelangen, und sie wählten dafür den bequemsten Weg: per Boot. Als sie durch den nächtlichen Januarmorgen paddelten und sich auf die großartige Tour freuten, machten sie plötzlich eine furchtbare Entdeckung: Ihr Boot war leck und es lief mit atemberaubender Geschwindigkeit voll Wasser. Auch den beiden abgebrühten Extremkletterern ging jetzt der Allerwerteste auf Grundeis: »Das Boot füllt sich mehr und mehr mit Wasser, und nach etwa einer halben Minute wir sind noch etwa 70 bis 80 Meter vom rettenden Ufer entfernt fahren wir mit lautem Poltern auf einen Widerstand auf. Zuerst begreifen wir gar nicht, was jetzt wieder los ist, weil wir in der Dunkelheit nichts erkennen können aber dann wird uns blitzschnell klar: Eis! Der See ist in Ufernähe zugefroren und zwar zu dünn, um einen Menschen zu tragen, zu dick um durchzurudern. Noch dazu hatte der Aufprall einen weiteren Schwall Wasser ins Boot geschleudert, so daß dieses nun randvoll gefüllt und die Seeoberfläche mit der Oberkante der Bordwände knapp bündig ist. Wir sind endgültig verloren! In Bruchteilen von Sekunden schießt es mir durch den Kopf: So, jetzt hast du's! Eine Kletterkarriere und sogar eine Achttausender-Expedition liegen hinter dir, und du mußt im Gletscherwasser ersaufen! Super! ( ) Hanspeter reißt geistesgegenwärtig meinen Zylinder (ein von Darshano anstelle des üblichen Kletterhelms getragenes Outfit) vom Rucksack und beginnt, damit Wasser aus dem Boot zu schöpfen, so schnell es geht. Ich beginne, ( ) mit dem Paddel das Eis aufzuhacken, um eine Bresche zum Ufer zu schlagen ( ). Erst nach einer Viertelstunde schafft er es die Hände bis zu den Ellbogen blitzblau Handschuhe zu ergattern, und nach mehr als einer Stunde gelingt es ihm, das Wasser im Boot soweit unter Kontrolle zu bringen, daß er seinen Helm, den er unten im Rucksack vergraben hat, herausreißen kann, um ihn zum Wasserschöpfen zu verwenden. Seine Finger spürt er schon lange nicht mehr. Damit eine Rinne zum Ufer entsteht, pickle, hacke und splittere ich inzwischen unentwegt Eis auf; die Hände beginnen Blasen zu werfen, schmerzen ungeheurer. Schließlich beginnen sie, fleischig zu werden und aus später nachgezählten 22 Wunden zu bluten. Ich kann das Paddel kaum noch halten zu jedem Schlag stoße ich jetzt einen brutalen Schrei aus, der über das Wasser hin- und aus allen Wänden widerhallt. Bis zum letzten Meter bleibt es ein Kampf auf Leben und Tod. Langsam, langsam erreichen wir das Ufer. Eine Inspektion des Bootes bringt ein Mords-Loch am Rumpf zutage, dem wir zwei Galgengvögel um ein Haar zum Opfer gefallen wären.« Ein paar Wochen später holten sie sich ihre »Krönung« doch noch, mit Ausnahme der letzten 50 Meter, in denen das Eis allzu filigran aussah. ... |