Leseprobe
aus: »Himalaya – Magic Lines«
Autoren: Andy Fanshawe und Stephen Venables

   
K2, 8611 m
Südostsporn (Abruzzi-Sporn)
   
  Der K2 bildet das Herzstück des Karakorum – er ist sein höchster und beeindruckendster Gipfel. Reinhold Messner schätzt den K2 selbst auf den einfachsten Routen als den schwierigsten Berg der Welt ein, und diese Ansicht wird von zahlreichen heutigen Bergsteigern geteilt. Als »einfachste Routen« gelten der Abruzzi-Sporn von Pakistan und der Nordgrat von China aus.
Insbesondere der Nordgrat präsentiert sich als bezwingend direkte Linie. Der Abruzzi-Sporn ist zwar weniger elegant, erscheint jedoch vom Konkordiaplatz aus als die naheliegendste Route. Der erste Versuch, den K2 zu besteigen, wurde dennoch über den wesentlich längeren Nordostgrat unternommen. 1902 führte Oskar Eckenstein ein Team von österreichischen, britischen und Schweizer Bergsteigern. Sie erreichten etwa 6500m und konnten den langen Abschnitt messerscharfer Grate und überhängender Wächten, der schließlich in die obere Ostwand übergeht, kaum bewältigen. Es sollten vierundsiebzig Jahre vergehen, bevor ein Team Polnischer Bergsteiger den Aufstieg über diese Route erneut versuchte.
Der berühmte italienische Forschungsreisende Herzog Luigi Amedeo di Savoia entdeckte und probierte 1909, auf der zweiten Bergsteiger-Expedition zum K2 überhaupt, den Südostsporn, der nun seinen Namen trägt. Es war ebenfalls eine italienische Expedition, die 1954 die Route ganz bis zum Gipfel beging, aber erst nachdem drei amerikanische Expeditionen weitgehend die Grundlage dafür geschaffen hatten.
Charles Houstons Expedition brach 1938 mit leichtem Gepäck auf, denn er war der Meinung, daß kleine, bewegliche Expeditionen die größten Erfolgsaussichten hätten – eine Ansicht, die durch seine Erfahrung mit Bill Tilman bei der Erstbesteigung des Nanda Devi zwei Jahre zuvor bestätigt worden war. Auf dem schwierigeren Gelände des Abruzzi-Sporn kam sein amerikanisches Team dann stetig voran, auf einer Route mit Schneefeldern und Felsvorsprüngen, die schließlich zur Schulter führt. Ein entscheidender Felsriegel in etwa 6700m Höhe wurde von William House erklommen, und bis heute flößt der House-Kamin den besten Bergsteigern unserer Zeit Respekt ein. Oberhalb von 7000m mußten sie die noch schwierigere schwarze Pyramide erklettern, bevor ein exponierter Eisquergang sie auf die unteren Hänge der Schulter brachte, wo sie in etwa 7600m Höhe Lager 7 aufschlugen. Obwohl sie erfolgreich vorangekommen waren, blieben immer noch eine große Entfernung und Höhendifferenz zu überwinden. Ihre Vorräte schwanden dahin, und sie fürchteten, daß das Wetter kälter und unbeständiger werden würde. Deshalb kehrte das gesamte Team um, nur einige Tage bevor ein anhaltender Sturm über den Gipfel fegte. Houston äußerte damals eine prophetische Warnung vor den Schwierigkeiten eines Abstiegs von der Schulter bei schlechtem Wetter.
  Im Jahr darauf machte sich eine andere amerikanische Expedition auf den Weg, diesmal unter der Leitung des deutschen Emigranten Fritz Wiessner, der 1932 bei Willy Merkls Expedition zum Nanga Parbat dabei war. Der K2 erwies sich als traumatisch – ein weitgehend unerfahrenes Team konnte mit seinem Expeditionsleiter nicht mithalten, der einer der besten und ehrgeizigsten Bergsteiger seiner Zeit war. Die Expedition endete mit einem Desaster, bedingt durch eine Reihe von Mißverständnissen und Fehlentscheidungen, die darin gipfelten, daß drei Sherpas bei dem Versuch starben, Dudley Wolfe zu retten, der höhenkrank zusammengebrochen und weit oben am Berg liegengeblieben war. Die Schuld an den vier Todesfällen gab man Wiessner und lenkte dadurch von seiner Leistung vor dem Desaster ab, als er dem Erfolg schon zum Greifen nahe gekommen war.
Von Lager 9 aus, in 8000m Höhe, führte Wiessner Pasang Dawa Lama über sehr schwierige Felsen und wäre nachts weiter zum Gipfel hinaufgestiegen, wenn Pasang ihn nicht aus religiösen Gründen um 18:00Uhr gebeten hätte, auf 8400m kehrtzumachen. Unbeirrt versuchte Wiessner zwei Tage später erneut den Aufstieg und nahm diesmal eine einfachere Route weiter rechts, die alle darauffolgenden Teams auch wählten, den eisigen »Flaschenhals«. Aber weil beide Männer ihre Steigeisen verloren hatten, mußte Wiessner den Versuch abbrechen und zurückgehen. Dies war der Abschluß einer großartigen Leistung in schwierigem Gelände oberhalb von 8000m, auf die auch heute noch jeder Bergsteiger, der über modernste Ausrüstung und Höhenerfahrung verfügt, stolz sein könnte.
Houston kehrte 1953 mit sieben anderen Bergsteigern, aber ohne Höhenträger, zum K2 zurück. Sie kamen ausgezeichnet voran, und am 2.August waren alle acht Bergsteiger in Lager 8 auf der Schulter. Doch leider schlug das Wetter um, und die Männer waren fünf Tage lang in ihren Zelten gefangen. Nach fünf Tagen auf fast 8000m wurde Art Gilkey krank und erlitt eine Thrombose mit Lähmungserscheinungen. In dem heroischen Versuch, ihn zu retten, begannen die anderen, ihn Seillänge für Seillänge den gesamten Abruzzi-Sporn herunterzulassen. Der Sturm hatte wieder angefangen, und der Abstieg nahm dramatische Ausmaße an, als fünf Bergsteiger in einem Seilgewirr stürzten und wie durch ein Wunder von Pete Schoenings Pickelsicherung gehalten wurden. Gilkey geriet dann in eine Lawine, und die anderen, fast erfroren, schockiert und erschöpft, kämpften gegen den Sturm, um Lager 2 zu erreichen. Von dort halfen ihnen ihre Hunza-Träger beim Abstieg.
Nach drei dramatischen amerikanischen Versuchen, die nur knapp scheiterten, hatte 1954 die italienische Expedition von Ardito Desio, die überaus sorgfältig vorbereitet war, Erfolg. Dank einer ungeheuren Anstrengung von Walter Bonatti und dem Hunza-Träger Mahdi wurde Sauerstoff über die Schulter hinauftransportiert, um Achille Compagnoni und Lino Lacedelli bei ihrem erfolgreichen Aufstieg zum Gipfel zu unterstützen. Erst 1977 wurde der Gipfel wieder betreten, als eine japanische Expedition den Abruzzi-Sporn wiederholte. 1978 wurde der Gipfel erstmals ohne Sauerstoff bestiegen, und zwar von den Amerikanern John Roskelley, Rick Ridgeway und Lou Reichardt – Jim Wickwire benutzte ein wenig Sauerstoff, der ihm jedoch auf dem Gipfel ausging; dennoch überlebte er ein anschließendes ungeschütztes Biwak auf 8460m. Die Amerikaner beendeten ihren Aufstieg über den Abruzzi-Sporn, nachdem sie zunächst vom Hochplateau am Nordostgrat zur Schulter gequert waren. Ein Jahr später wiederholten Michl Dacher und Reinhold Messner den Abruzzi-Sporn mit nur leichtem Gepäck, ebenfalls ohne Sauerstoff.
Trotz der Erfolge der späten siebziger Jahre behielt der Sporn seinen verhängnisvollen Ruf. 1986 kam es zum schlimmsten Unglück in der jüngeren Geschichte des Bergsteigens: Ein anhaltender Sturm forderte wieder Menschenleben. Fünf von sieben Bergsteigern, die bei schlechtem Wetter auf der Schulter festsaßen, kamen um, als sie verzweifelt und mit tragischer Verzögerung den Abstieg versuchten, so daß die Gesamtzahl der Todesopfer am K2 in jenem Sommer auf dreizehn stieg. Paradoxerweise unternahm Benoît Chamoux im gleichen Sommer eine Dreiundzwanzig-Stunden-Besteigung des Abruzzi-Sporns. Auch wenn er sicherlich durch Aktivitäten anderer auf der Route, nicht zuletzt durch ihre Spur und ihre Fixseile, unterstützt wurde, vollbrachte er eine einzigartige Leistung, und das nur wenige Tage nach seinem Sechzehn-Stunden-Alleingang auf den Broad Peak. Chamoux brauchte lediglich zwei Tage gutes Wetter, um den K2 zu besteigen und wieder herunterzukommen – gerade an diesem Berg ist Schnelligkeit oft gleichzusetzen mit Sicherheit. Angesichts der ungewöhnlichen Fitness Chamoux’ hatte sein Aufstieg vermutlich die größten Erfolgsaussichten, und es war sehr unwahrscheinlich, daß er in einer Katastrophe enden würde.
  Seit 1986 gab es weitere Unglücke am Abruzzi-Sporn, und die meisten Teams haben den Gipfel nicht erreicht. Dies bestätigt Messners Aussage »schwierigster Berg der Welt«. Die Bergsteiger kommen jedoch weiterhin, weil der K2 ein überwältigender Gipfel ist und der Abruzzi-Sporn wahrscheinlich die am besten begehbare Route von der pakistanischen Seite her darstellt. Die beliebteste Stelle für das Basislager einer Abruzzi-Besteigung befindet sich auf einem Streifen der Seitenmoräne unterhalb der Südwand in der Nähe des Zusammenflusses von Filippi- und oberem Godwin-Austen-Gletscher. In manchen Jahren können sich hier mehr als einhundert Zelte ansammeln; ein Bild, das mehr an Chamonix erinnert als an den Himalaya. Von dort aus führt ein Anstieg von etwa zwei Stunden durch einen wilden Eisbruch zum vorgeschobenen Basislager auf etwa 5400m, direkt am Fuß des Sporns.
Heute markiert trotz einer großen Säuberungsaktion 1990 der Abfall früherer Expeditionen den Routenverlauf, der sich zunächst über Felsvorsprünge emporschlängelt, rechts begrenzt von einem riesigen Schnee- und Eisfeld. Die meisten Teams schlagen Lager 1 auf etwa 6150m und Lager 2 auf etwa 6750m auf, direkt oberhalb des nach links geneigten House-Kamins. Von dort gelangt man in leichter Kletterei an einem rötlichen Grat empor zu den schwierigeren Felsen der Schwarzen Pyramide. Houstons Team bewältigte beinahe diesen gesamten Abschnitt ohne Fixseile; heute gibt ein erbärmliches Gewirr aus alten Seilen Möchtegern-Bergsteigern im Alpinstil ein zweifelhaftes Gefühl der Sicherheit. Wie auch immer, oberhalb der Schwarzen Pyramide enden die zweifelhaften Seile und dort, auf den schwierigen Schnee- und Eishängen zur Schulter, besteht für die Teams das größte Risiko, vor allem bei einem Abstieg im schlechten Wetter. Lager 3 liegt gewöhnlich auf 7400m und Lager 4 auf der Schulter in 7900m Höhe.
Die Schlüsselstelle liegt auf den letzten 700Höhenmetern. Viele Teams können nur durch einen sehr frühen Aufbruch verhindern, daß sie im Abstieg von der Dunkelheit überrascht werden. Die Schulter steigt steil empor zum Flaschenhals, einem Couloir, das direkt unterhalb der Gipfelséracs emporzieht, bis man gezwungen ist, im steilen Eis oberhalb eines 3000m hohen Abbruchs nach links zu queren. Mehrere Personen sind hier schon zu Schaden gekommen, als sie erschöpft vom Gipfel abstiegen. Jenseits des Quergangs gelangt man auf einfachere Schneehänge, aber der Weg zum Gipfel ist immer noch lang.
Es gibt jedoch möglicherweise eine bessere Route über den Südsporn zur Schulter. Auf seiner letzten Expedition 1983 schlug der mit allen Wassern gewaschene Himalaya-Veteran Don Whillans diese Route vor, und einige Tage später wurde sie von seinen Kameraden Doug Scott, Andy Parkin und Jean Afanassieff in reinem Alpinstil ausprobiert. Parkin hatte praktisch gerade den Fuß auf die Schulter gesetzt, als Afanassieff plötzlich ein Ödem bekam und das Team dadurch gezwungen war, rasch umzukehren. Nach einigen Versuchen von verschiedenen spanischen Gruppen war dem baskischen Team von Juanito Oiarsabal im Jahr 1994 ein Gipfelerfolg auf dieser Route beschieden. Leider wurde Doug Scotts mutiger Begehungsstil von 1983 nicht kopiert, da die Basken Fixseile auf dem Grat anbrachten.
Weitere Mannschaften folgten dem Beispiel der Basken und nahmen 1994 erneut die Route über den Südsporn, die besser und sicherer zu sein scheint als der traditionelle Abruzzi-Sporn. Darüber hinaus verläuft sie direkter und vermeidet beim Abstieg die gefährlichen Hänge zwischen der Schulter und der Schwarzen Pyramide, auf denen bei Sturm Lawinengefahr droht. Aber für welche Route man sich auch entscheidet, die Schlüsselstelle liegt oberhalb der Schulter, und dort werden auch die besten Bergsteiger feststellen, daß sie ihr Geschick und ihr Durchhaltevermögen bis an die Grenzen ausschöpfen müssen.
     
 
KURZINFORMATIONEN
Name K2 (Chogori)
Höhe 8611 m
Lage Baltoro Muztagh, Zentral-Karakorum, Pakistan
Route Südostsporn (Abruzzi-Sporn)
Erstbesteigung des Gipfels Am 31.August 1954 durch Lino Lacedelli und Achille Compagnoni
Erstbegehung der Route Wie oben
Erstbegehung der Route im Alpinstil Messners Expedition von 1979 war zwar recht klein, aber es wurden einige Lager vorbereitet. Eric Escoffier (FRA), Jean Troillet, Pierre Morand und Erhard Loretan (CH) bestiegen den Gipfel 1985 von Lager 2 aus, gingen ohne Unterbrechung zurück zu Lager 3 und kehrten weniger als vier Tage nach ihrem Aufbruch zum Basislager zurück. In beiden Fällen wurden die Bergsteiger durch die Lager anderer Bergsteiger und Seile auf der Route unterstützt.
Höhe des Basislagers 5130m am Zusammenfluß des Godwin-Austen- und des Filippi-Gletschers Anfahrtsmöglichkeit bis Thongl, 2km vor Askole
Anmarsch 8 oder 9 Tage, je nach Zustand der »jhola« über den Fluß Panmah. Zu bezahlen sind mindestens 12 (eventuell bis zu 16) Träger-Etappen. Informationen über gesetzliche Bestimmungen einholen!
Jahreszeit Die Erstbesteigung wurde Ende August unternommen, aber die erfolgreichsten Expeditionen gelangten im Juli zum Gipfel.
Genehmigung Ministerium für Tourismus, Islamabad
Erfolgsbilanz Selbst auf dem Normalweg sind die Erfolgsaussichten geringer als am Everest. In den letzten Jahren gab es mehrere Sommer, in denen kein einziges Team am Abruzzi-Sporn erfolgreich war.
Literatur Die Auswahl an Büchern ist riesig, angefangen mit Filippis Bericht über die Expedition von 1909 bis hin zu Jim Currans neuer Geschichte des Bergs: K2: The Story of the Savage Mountain (Hodder & Stoughton, 1995). Currans zuvor erschienenes Buch, K2, Triumph and Tragedy (Hodder & Stoughton, 1987) und Kurt Diembergers K2 – Traum und Schicksal (Bruckmann, 1989) beschreiben ausführlich die Ereignisse von 1986.
Die Erstbesteigung ist in Ardito Desios Ascent of K2, Second Highest Peak in the World (Elek, 1955) dokumentiert; auch Bonattis Version in On the Heights (Hart-Davis, 1964; Diadem, 1979) ist lesenswert. Ein Muß sind auch Charles Houstons und Robert Bates K2: The Savage Mountain (Collins, 1955) und die Studie über die Wiessner-Expedition von Andrew Kauffman und William Putnam, K2: The 1939 Tragedy (Mountaineers/Diadem, 1992).