Als
Freeclimbing noch Freak-Climbing war
Die norddeutsche Kletterszene Ende der siebziger
Jahre
Axels Nachname erinnerte an den ehrwürdigen Rennfahrer
Sterling Moss, und in Anbetracht all der Motoren und
Getriebe, die Axel zu Schrott fuhr, hatte er sich den
ehrenvollen Titel Sterling Meß auch redlich verdient.
Mit einer Stunde dreißig hielt er den Rekord für die
Strecke von Hamburg auf den Ith, jenem Höhenrücken im
Weserbergland, wo es die ersten brauchbaren Felsen gab.
Diese sagenhafte Zeit hatte er allein in seinem Wagen
aufgestellt, weil er, wie er damals sagte, keine anderen
Insassen gefährden wollte.
Diesmal war es der PS-schwächere Renault von Eberhard,
den er steuerte, und wir saßen zu fünft im Auto.
Dennoch hatten wir die Ehre dabeizusein, wie Sterling
Meß seinen Rekord egalisierte. Auf der Autobahn fuhr er
wie immer hundertzwanzig, weil Vollgas auf der Autobahn
seiner Meinung nach keinen fairen Vergleich ermöglichte.
Entscheidend waren die neunzig Kilometer Landstraße von
der Ausfahrt Laatzen-Pattensen bei Hannover bis hinauf
auf den Ith. Nebelbänke standen wie weiße Wände aus
Papier auf der kurvenreichen Strecke, und in jede
Nebelbank fuhr er blindlings mit Vollgas hinein.
Gnadenlos spät blinkten im Streulicht der Scheinwerfer
die jeweils runden oder dreieckigen Reflektoren an den
Begrenzungspfählen auf, die anzeigten, auf welcher
Straßenseite der Pfahl stand und in welche Richtung die
Kurve folglich ging. Jeder stierte angestrengt in den
Nebel, und oft genug sah jemand anderes als Axel zuerst
die neue Richtung und schrie sie ihm angsterfüllt zu.
Ich war begeistert. Wenn Axel am Steuer saß, war es
wirklich Urlaub von Anfang an. Kurz nach Mitternacht
erreichten wir den Ith. Eberhard und ich zerrten ein Seil
und etwas Material aus dem Kofferraum und gingen sofort
klettern.
Im Auto war es laut gewesen. Axels donnernde Rockmusik
und unser Gekreische hatten sich zu einem ungewöhnlichen
Lärmpegel summiert, so daß die quietschenden Reifen
kaum mehr zu hören waren, und dazu hatte uns in jeder
Kurve die Fliehkraft auf den Sitzen hin- und hergeworfen.
Jetzt tapsten wir still und erwartungsvoll durch den
Wald, wo es jedes Wochenende alles gab, was wir
begehrten: Felsen, frische Luft und Freunde. Leis
rauschte der Wind im Buchenblätterdach hoch über uns,
leis klimperten die Karabiner am Gurt. Zwischen den
Bäumen sah man kaum die Hand vor Augen, nur an den
freistehenden der vielen verschiedenen Felsen schien der
Mond hell genug. Die zwanzig Meter hohe Südwand des
»Teufelstrichters, ein griffiger, steiler,
wunderschöner Vierer, den wir regelmäßig eumelten
solo kletterten , stand prachtvoll wie ein
Sechzehnender im Licht. Um es zünftiger zu machen,
seilten wir uns im Abstand von fünf Metern an und gingen
gleichzeitig ohne Sicherung. Stürzte einer, lagen beide
unten. Vertrauen war etwas Wundervolles.
Vom Gipfel des Felsens hatten wir einen Blick wie auf
einem Gemälde von Caspar David Friedrich; sanft lief der
Höhenzug, auf dem wir uns befanden, über der feuchten,
fruchtbaren Ebene mit ihren weit auseinandergestreuten
Dörfern. Große, dunkle Bäume standen hinter uns wie
stumme Freunde, und durch die Äste lachte der Vollmond
wie ein Semmelknödel.
Ein paar Felsen weiter probierte Eberhard einen Sechser.
Die Route lag im Mondschatten, und ein Sechser war für
unsere Verhältnisse schon bei Tageslicht unglaublich
schwer. Eberhard hatte schon zahlreiche Sechser auf dem
Konto und war auch Held jener fabelhaften Geschichte, als
Axel und er am »Rampenweg drüben in den Holzener
Klippen Zwischenstand an zwei Haken gemacht hatten, die
angeblich nur hielten, weil sie mit kleinen
Holzstückchen im Riß verkeilt waren. Er war ein paar
Jahre älter als ich, sensibel, musikalisch und
trinkfest.
Routiniert knipste er seine Stablampe an und schob sie
sich tief in den Mund. Als er zehn Meter hoch war,
rutschte sie ihm aus den ermüdeten Kiefern und verfehlte
mich knapp. Eberhard sah nichts mehr. »Ich komme!«
schrie er und plumpste zwei oder drei Meter ins Seil.
So endete der glorreiche Versuch einer Nachtbegehung der
Südostkante des Buchenschluchtmassivs, ein Unternehmen,
an dem teilgenommen zu haben mich bis heute mit Stolz
erfüllt. Auf dem Rückweg zum Zeltplatz kamen wir am
»Kamel« vorbei, einem freistehenden hohen, schlanken
Felsen, der im Mondschein hell wie Marmor schimmerte. Wir
erkannten die Stimmen von Oli und Helmut, die gerade den
»Briefkasten« kletterten und als Silhouetten vor dem
Sternenhimmel zu sehen waren. Es war eine stille
Begegnung mit anderen Eingeweihten, als wir ebenfalls
noch den »Briefkasten« gingen, und würdevoller
Abschluß einer großartigen Nacht. Auf dem Gipfel war
noch irgend jemand, und der hatte Bier mitgebracht. Mehr
konnte man nicht mal erträumen.
Auf jener Wiese oberhalb der Felsen im Ith trafen wir
unsjedes Wochenende. Neben der Wiese steht ein hoher
Buchenwald, der den Kamm und den talwärts abfallenden
Hang bedeckt. Auf der Südseite des Kamms liegen der
Reihenach wie an einer Perlenschnur aufgezogen die rund
zwanzig Felsen der »Lüerdisser Klippen«, die ersten
kletterbaren Felsen überhaupt, wenn man von Norden
kommt. Das bedeutet allerdings nicht, daß es schlechte
Felsen wären. Gemeinsam mit den nahegelegenen »Holzener
Klippen« ist dieses Klettergebiet eines der schönsten
in Deutschland. Zu derWiese gehören noch eine Hütte und
ein Parkplatz, und dasganze ist der selbstverwaltete
Zeltplatz der Jugend des Deutschen Alpenvereins
Norddeutschland. Die JDAV-Nord war, nebenbei bemerkt,
wohl die erste und einzige deutsche Institution, die
ihren zu Treffen und Tagungen per Anhalteranreisenden
Mitgliedern einen eigenen Kilometersatz zahlte.
Wir kamen aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen oder
Niedersachsen, und wir waren damals nur ein paar Dutzend.
Wenn du in Bayern wohnst, halten sie dich vielleicht für
unvernünftig, wenn du kletterst. Aber in so
gebirgsfernen Gegenden, in denen sie statt
Föhnwetterlagen Flutwarnungen im Radio bringen, wo die
Landschaft flach wie ein Bügelbrett ist, wo der
Alpenverein Wattwanderungen veranstaltet, galt Kletterer
sein als eine der bizarrsten menschlichen Verfehlungen
seit Erfindung der Sodomie. Niemand, wirklich niemand
nahm dich für voll. Hier auf dem Ith jedoch waren wir
unter uns. Hier war unser Treffpunkt, unser Reservat.
Hier hatten wir unsere Ruhe, um uns auszutoben. Hier
konnte man alleine per Anhalter herkommen, weil man immer
genug Leute zum Klettern traf und vor Ort kein Auto mehr
brauchte, da die Felsen in wenigen Minuten zu Fuß zu
erreichen waren. Am liebsten schliefen wir im Freien, am
allerliebsten auf der Verletztentrage aus der Hütte,
einer Art Feldbett mit abgesägten Beinen. Als Mitglieder
der Jugendgruppen und Jungmannschaften des Alpenvereins
brauchten wir weder etwas zu bezahlen noch uns in
irgendeiner Form anzumelden. Wir waren einfach da.
Das Tolle war, daß man hier außer klettern auch gemmeln
konnte. Es gab niemanden, der es hätte verbieten
können. Man konnte sich auf dem Dachboden der Hütte,
der als Schlafraum diente, mit fünfzehn Leuten
kreischend ineinanderschmeißen und sich gegenseitig
durchkitzeln, bis die ersten um Hilfe flehten, weil sie
zu ersticken fürchteten. Man konnte »Schlachterball«
spielen: Anzahl der Mitspieler war beliebig, es gab einen
Ball und keine Regeln, außer der, daß Helme und schwere
Stiefel nicht erlaubt waren. Wer sich traute, den Ball in
die Hand zu nehmen und ein Stück damit zu laufen, wurde
von den übrigen Mitspielern umgenietet. Außer er
schaffte es, den Ball vorher wegzuwerfen oder zu
schießen, am besten natürlich gegen ein Zelt von
Honkies, sprich Erwachsenen. Man konnte am »Kamel« ein
Seil von einem Haken des »Briefkastens« hinaus zu dem
Haken an der großen Felsnase spannen und sich
hinüberpendeln lassen, am besten gleich zu zweit
und/oder in der Nacht. Jemand aus Bremen klaute aus einem
nahegelegenen NATO-Depot eine Nebelhandgranate und
verfinsterte am hellichten Tag den Zeltplatz. Man konnte
auch abends eine Gaskartusche ins Lagerfeuer werfen und
abwarten, wie laut es wohl knallte.
Als Jugendliche waren wir alle ein wenig auf der Suche.
Man las Hesse oder Castaneda und wollte wissen, wie weit
man gehen, wie schwer man klettern konnte. Was machte
Spaß, welche Einfälle waren vielleicht doch zu
gefährlich? Der Kampf mit der Schwerkraft, die
unveränderlich kleinen Griffe an den schwierigen
Passagen, das latent vorhandene, aber gegen die eigenen
Fähigkeiten kalkulierbare Risiko, die unaufhaltsam
hereinbrechende Dämmerung, wenn man an einer
Autobahnauffahrt stand: Das hatte etwas wunderbar Reales,
dem man sich wunderbarerweise auch wenn man sich
das in diesen Augenblicken manchmal wünschte
nicht entziehen konnte. Schule war Wischiwaschi, die
Schwerkraft und die Angst vorm Fliegen dagegen waren
unbestreitbare Tatsachen. Wir probierten aus, wie weit
wir gehen konnten, und wir lernten dazu. Was nichts daran
änderte, daß Glück in großen Dosen nötig war, damit
wirklich nie etwas passierte.
Denn es gab durchaus Unfälle, auch tödliche. Aber die
unterliefen Anfängern, die vielleicht vorsichtig, aber
eben unerfahren waren. Ein junger Bursche, weder erfahren
noch vorsichtig, hatte die idiotische Idee gehabt, über
den »Teufelstrichter« hinabzuscheißen. Er kletterte
von oben einen Meter in die Wand hinunter, legte eine
Knotenschlinge in einen Riß und wollte sich
hineinsetzen, aber die Schlinge kam heraus. Er stürzte
bis auf den Boden und war tot. Vermutlich lag er mit
heruntergelassenen Hosen dort unten, sonst hätte man die
Geschichte nicht rekonstruieren können. Das war kein
Gemmeln, das war pure und tödliche Dummheit: Wer keine
Knotenschlinge legen kann, sollte sich nicht daran
sichern.
Eines lernten wir schnell, und obwohl es niemand
aussprach, war es einer der Faktoren, der das Leben auf
dem Ith prägte und intensiver als das Leben in der Stadt
sein ließ: Am Fels und bei den anspruchsvolleren
Gemmeleien war jeder für sich selbst voll
verantwortlich, oft auch noch für seinen Seilpartner.
Niemand gab vor, was erlaubt oder verboten war, so war
die Freiheit ungeheuer, und unsere Jugend war glücklich.
Beim Eumeln wurde es besonders deutlich. Dein Leben hing
an deinen Fingerspitzen, und das Verrückte war: dort war
es verdammt gut aufgehoben. In den meisten Fällen
wußten wir ja auch genau, was wir taten. In zehn,
fünfzehn, zwanzig Metern Höhe konntest du sehen, wie
sich deine Hände um die Griffe schlossen und sich erst
wieder lösten, um den nächsten Haltepunkt sicher zu
umfassen. Besonders in leichten, aber hohen Routen
befriedigte mich die ambivalente Situation, einen
lebensgefährlichen Sturz mühelos vermeiden zu können.
Ich genoß das Wissen, bei einem groben Fehler weit zu
stürzen und im selben Moment ganz genau zu wissen, daß
ich mich auf meine Hände, meine Kraft und meine
Erfahrung, auf mich selbst verlassen konnte, und daß ich
eben nicht stürzte, sondern lebte, atmete und mein Herz
hörbar schlug. Nein, ich fiel da nicht runter, ich
würde leben. Diese Verantwortung für sich selbst war
eine begehrenswerte Sache, denn sie gab einem Macht über
das eigene Schicksal.
Das Beste und Wertvollste am Ith waren aber eigentlich
die Menschen, die man dort kennenlernte. Sie hatten
irgend etwas gemeinsam, was zu benennen wir niemals
imstande waren. Wenn man später woanders Kletterer traf,
hatten sie die gleiche Schattierung des Charakters, tief
im Getriebe ihres Hirns saß die gleiche versteckte
Schraube locker. So ähnlich und artverwandt waren die
Geschichten, von denen man später im Ausland hörte,
daß man hätte glauben können, Klettern sei ganz
allgemein eine Art genetischer Defekt.
Der bereits erwähnte Eberhard verpaßte die
Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule, studierte
Geologie und besang fortan mit sanfter melodischer Stimme
und melancholisch rollenden Äuglein das
Vermessungsgerät »Theeeeo-doo-lit« und den Klassiker
»Ich hör die Bächlein rauschen / im Walde her
und hin«. Carsten aus Hamburg sollte Jahre später im
Montblanc-Gebiet einen Siebzig-Meter-Sturz überleben,
vorher jedoch hatte er einen Ausspruch getan, der ihn
ohnehin unsterblich machte: »Er kaufte eine Lodenhose /
und wetzte sich die Hoden lose.« Besonders dankbar waren
wir ihm für die Übertragung des Kommunistischen
Manifests auf die aktuelle Lage der kletternden Klasse:
»Ein Gespenst geht um in Europa das Gespenst des
Alpinismus...«. Da war Ingo aus Braunschweig, dessen
Mutter ihm immer stapelweise Nutellabrote mitgab, die am
Sonntagnachmittag, schön durchgeweicht, wertvoll wurden,
wenn die anderen Vorräte verbraucht waren. Ingo, der
braungebrannt aussehen konnte wie ein kleiner Alain
Delon, hörte merkwürdige Gruppen wie »Mad Professor«
und »Schimmliges Brot« und besaß eine Reihe der
kaputtesten Autos, die je die Steigung hinauf auf den Ith
überstanden haben. Diese Schrottmühlen wechselte er wie
Delon die Frauen und andere die Unterhosen. Da war der
auf seine Art merkwürdig frühreife Oli aus Hamburg, der
schon mit vierzehn schwerer eumelte als seine
volljährigen Begleiter, die bei einem Unfall hätten
haften müssen. Wenn er nicht gerade kletterte, saß Oli
meistens schweigend in einer Ecke, trug einen
schmalkrempigen, gemusterten Hut wie Jack Lemmon und
rauchte oder löffelte Pflaumenmus. Er konnte es
fertigbringen, am Freitag mit drei Mark in den Ith zu
fahren, ohne diese drei Mark am Wochenende überhaupt
auszugeben. Henning aus Hannover lachte immer ziemlich
krank, wenn er bekifft war, galt als der Sudelkönig und
wurde Schmutzfuß genannt. Die Bremer waren ein bißchen
eine Clique für sich, weil sie sofort die neue Richtung
des Sportkletterns verfolgten, Krafttraining machten und
Bohrhaken setzten. Wir rümpften die Nase über alles,
was neu war jugendliche Reaktionäre , waren
uns aber nicht zu vornehm, ihre Haken zu benutzen und
ihre Touren zu versuchen. Es konnte und wollte jedoch
niemand bestreiten, daß sie wirklich feine Kerle waren.
Der Exiltscheche Milan Sykora war in Norddeutschland der
mit Abstand beste Kletterer und trieb die sportliche
Entwicklung gemeinsam mit den Bremern voran. An einem
Felsen namens »Krokodil« gab es eine überhängende
glatte Wand mit einem zementierten Haken, in den bei
Sicherungsübungen ein Achtzig-Kilo-Gewicht
fallengelassen wurde. So wurde das Halten von Stürzen
trainiert. Milan kletterte frei durch diese
überhängende Wand, und der Ith hatte seinen ersten
Siebener. Wir konnten es überhaupt nicht fassen, daß da
jemand hinaufklettern konnte. Vom Ausstieg war zu allem
Überfluß ein Zehn-Meter-Sturz möglich. Es war der
größte Meilenstein der norddeutschen Klettergeschichte,
eine starke Tour mit einem saustarken Namen:
»Anaconda«. Da das schwere Eisengewicht die Griffe
beschädigen könnte, bohrte Krische von der
Landesjugendleitung in den Holzener Klippen an der
»Drachenwand« einen neuen Sturzstand. Aber auch jene
stark überhängende Wandpartie war vor Milans
Kletterkünsten nicht lange sicher, und bald hatte er
genau dort mit dem »Schulterweg« den ersten Neuner
Norddeutschlands eröffnet. Die nächsten Jahre gab es
keine Sturzübungen mehr. Milan zog später ins
Frankenjura und wurde das, was man einen wirklich
bedeutenden Kletterer nennt.
Wir kletterten noch viel a.f., das heißt, wir hängten
uns zum Ausruhen ins Seil. Das Dumme an dieser Methode
war, daß wir noch Brustgurte benutzten, die ein
komfortables Hängen gar nicht zuließen. Frei hängen,
also ohne Kontakt mit den Füßen zum Fels, konnte man
überhaupt nicht, weil der Brustgurt einen beinahe
strangulierte. Oli hatte als erster unserer Clique einen
verführerisch bequemen Sitzgurt, den wir uns freudig
ausliehen, um uns mit Seil von oben in kurzen Etappen die
»Anaconda« hinaufzuruhen. Wir konnten uns nicht recht
entscheiden zwischen Beibehaltung des Status quo, was
bedeutete: keine Bohrhaken, kein Magnesia und auch sonst
nichts Neues, und der neuen Richtung des sportlichen
Freikletterns, die präzise sportliche Regeln aufstellte,
während wir doch gerade klettern gingen, um keine Regeln
vorzufinden.
Die schillerndste Figur der Szene war auf seine
unnachahmliche Art für einige Jahre Helmut aus
Hildesheim, genannt der Grieche. Anpassung war nicht
seine Leidenschaft, und so flog er der Reihe nach von
allen Realschulen seiner Heimatstadt, jobbte im Altenheim
und bei der Müllabfuhr und machte den Realschulabschluß
schließlich auf der Abendschule. Als seine Freundin Anke
ihn zum ersten Mal sah, hing er besoffen mit einer Hand
an der Regenrinne der Ith-Hütte und grölte Strophen aus
»Scheiße auf der Kirchturmspitze / hey-ladi-ladi /
sieht gut aus und stinkt bei Hitze /
HEEEEYY-laadi-laadi-loo«. Helmut trug gebatikte Hosen
und Hemden, eine große eckige Brille und schulterlange,
nicht zu oft gekämmte Haare. Sein Oberkörper steckte,
wenn es kühl war, in einer riesigen roten Daunenjacke,
die im Notfall auch als Bremsfallschirm hätte Verwendung
finden können. Seine Arme waren unglaubliche zwanzig
Zentimeter länger als bei gleich großen Personen, was
ihm beim Klettern einen phänomenalen Reichweitenvorteil
verschaffte. Mit seinen gleichfalls sehr langen Beinen
konnte er sich so eigentümlich am Fels verspreizen und
verdrehen, daß man schon aus großen Entfernungen sagen
konnte: Guck mal, das ist sicher Helmut.
Er liebte es, Angst zu haben. Er liebte die Sturzgrenze
wie andere ein weiches Kopfkissen, und natürlich liebte
er das Eumeln. Bei seinem schwersten Solo, der
»Wechselverschneidung«, einem dreißig Meter hohen
Sechser mit schwierigem Ausstieg, kam er vor den Augen
einiger Freunde völlig ins Rotieren, wie wir das
Gewackel an der Sturzgrenze nannten. Abklettern war
unmöglich, und er wackelte in dreißig Meter Höhe in
höchster Lebensgefahr herum. Als er den rettenden
Ausstieg schließlich erreicht hatte, weinte er, so knapp
war es gewesen. Eines Tages probierten wir gemeinsam eine
der leichteren Touren von Milan, und allen Anstrengungen
zum Trotz kam ich nicht hinauf. Helmut schaffte die
Stelle auf Anhieb, war aber vom Vortag noch so betrunken,
daß er einschlief, während er mich nachsicherte. Erst
meine verzweifelten Schreie, doch endlich das Seil
einzuziehen, nachdem ich die Schlüsselstelle ebenfalls
überwunden hatte und der Strick meterweit durchhing,
weckten ihn wieder. Helmut war es, der das
Whisky-Nutella-Brot erfand, den unangefochtenen Rekord in
»Am-meisten-Maggi-pro-Teller-Suppe« hielt und seine
Umgebung mit dem Verzehr immenser Mengen Bärlauchs
tyrannisierte, einer wilden Form des Knoblauchs, die im
Wald neben dem Zeltplatz wuchs. Es gab noch ein anderes
interessantes Gewächs dort oben: Tollkirschen. »Sechs
sind tödlich«, hatten Helmut und Ingo gehört, also
nahmen sie fünf. Sie merkten nichts und informierten
sich ein zweites Mal. Nun lag die tödliche Dosis
angeblich bei zwölf, sie nahmen vierzehn, und Helmut
half mit Whisky und Schlaftabletten ein wenig nach. Er
sah drei Tage lang alle Dinge auf dem Kopf. Wie man
sieht: Klettern war nicht alles.
Einer der großartigsten Höhepunkte war die
Sylvesterfeier 1980/81 im Hause von Kerstins völlig
unwissenden Eltern in Hildesheim. Erstaunlich rasch hatte
sich die Nachricht verbreitet, daß bei Kerstin etwas los
war. Sterling Meß kam mit ein paar Leuten aus Hamburg,
hielt mit quietschenden Reifen vor dem Haus und schoß
zur Begrüßung mit einer Rakete auf den Griechen, der am
Gartentor stand und ihn erwartete. Der Grieche schoß
zurück, zielte schlecht, und der Rolladen am Nachbarhaus
fing Feuer. Jürgen S., bei dem jeder Witz mit »Kommt
n Mann in nen Puff« begann, schoß im
Wohnzimmer mit Tränengas.
Am Neujahrstag dann schneite es in dicken Flocken. Mit
der Begründung, es läge nicht genügend Schnee, ließen
wir eine Skifreizeit des Alpenvereins für Kinder
ausfallen und gemmelten auf der freigewordenen
Malepartus-Hütte im Harz weiter. Die Entscheidung über
die Schneelage hatte man rein organisatorisch schon
einige Tage zuvor treffen müssen, als tatsächlich kein
Schnee lag, und nun war sie auch nicht mehr
zurückzunehmen. Aber es hatte den Kindern und ihren
Eltern niemand gesagt, und so erfuhren sie es jetzt.
Sterling Meß bretterte neben dem großen Bus auf den
Bürgersteig, und während hinter ihr AC/DC aus der
offenen Autotür hämmerte, erzählte Kerstin den Leuten,
daß sie ihre Kinder wieder mit nach Hause nehmen
müßten: »Kein Schnee« sagte sie, und gleichzeitig
schneite und schneite es. Das war nun kein besonders
seriöser Auftritt, und als zwei Tage später die ersten
Honkies auf der Hütte erschienen, sah es dort so schlimm
aus, daß einige von uns Hausverbot erhielten.
Abends oder wenn es regnete, gingen wir vom Zeltplatz
hinüber ins Ith-Hotel, einem einsamen Stück deutscher
Gastronomie-Kultur. Die Ortschaft Lüerdissen, die oben
auf dem Kamm lag und nach der die Felsen benannt waren,
bestand aus etwa fünfzehn Häusern. Wenn man nicht
zufällig kletterte, war Lüerdissen für die meisten
Besucher wohl einfach nur das Furunkel am Arsch der Welt.
Das Bundesamt für Zivildienst hatte den teuflischen
Einfall gehabt, ausgerechnet dort oben eine
Zivildienstschule einzurichten, als ob die längere
Dienstzeit nicht schon Strafe genug sei. Das Ith-Hotel
nun lebte überwiegend von Ausflugsgästen in
Reisebussen, die sich vermutlich nur deswegen dorthin
verirrten, weil es geheime Absprachen mit den Busfahrern
gab. An der Wand, mitten im norddeutschen Tiefland, hing
die Urkunde über die Lawinen-Suchhund-Prüfung des
verfetteten Schäferhundes, der zum Hotel gehörte. Kurz
nachdem Becker zum ersten Mal in Wimbledon gewann, hatten
sie dort einen neuen deutschen Schäferhund, und der
hieß natürlich Boris. Hierher trugen wir an unseren
Sohlen den dunklen feuchten Mutterboden aus dem Wald, und
obwohl manche von uns bereits die Volljährigkeit
erreicht hatten, war es zu niemandem von uns
vorgedrungen, wozu in aller Welt ein Fußabtreter gut
sein könnte. Wir saßen immer in derselben Ecke, und
immer zog die gleiche Schlammspur von der Eingangstür zu
unserem Tisch. Sie war nicht nur sichtbar, oft war sie so
dick, daß man ihr auch ohne weiteres mit den Händen
tastend hätte folgen können. Die Bedienung zum
Zeitpunkt der Niederschrift dieses Textes noch immer
dieselbe wie damals, genau wie die Ecke der Kletterer
dieselbe geblieben ist wies uns auf den Dreck
gelegentlich mit jener Sanftmut hin, wie sie wohl nur
Mütter aufbringen, die an ihren eigenen Kindern erfahren
haben, was Resignation wirklich bedeutet. Jeder Wink in
Richtung Ordnung oder Sauberkeit freilich wurde von uns
als Auswuchs verderbter, reaktionärer Weltsicht
gebrandmarkt, die unseren jugendlichen Utopien von
Freiheit und sozialer Gerechtigkeit in grausamer
Abruptheit entgegenstand. Das WC-Haus am Zeltplatz
allerdings stank wirklich entsetzlich, und so stapften
nicht selten Kletterer mit ihren schlammigen Schuhen die
zweihundert Meter hinüber zum Ith-Hotel, am
Schuhabtreter vorbei und auf die Toilette. Anschließend
klaute man das Klopapier, versaute das Waschbecken und
zog von dannen. Der Berg rief.
Seit jenen Zeiten sind die großen Buchen auf dem Ith um
viele Jahresringe dicker geworden, und sehr vieles ist
anders, als es damals war. Die rostigen Normalhaken,
denen wir ahnungslos unser Leben anvertrauten, sind durch
zuverlässige Bohrhaken ersetzt. Die Anzahl der Kletterer
und Ith-Besucher hat sich vervielfacht. Seit im Rheinland
aus hanebüchenen Umwelt-Vorwänden reihenweise
Klettergebiete gesperrt wurden, sind es noch einmal
wesentlich mehr geworden. Das Entscheidende, das
Essentielle aber blieb: die Ith-Wiese mit der Hütte, den
Maulwurfshügeln und den zwei kleinen Baumgruppen ist ein
intaktes menschliches Biotop. In dem schweren Boden, der
an den Schuhen ins Ith-Hotel getragen wird, gedeihen
außer Bärlauch, Buchen und Tollkirschen auch Menschen
mit jenem genetischen Defekt, der es ihnen beschert hat,
ein Kletterer oder eine Kletterin zu werden. Die Leute
von der Interessengemeinschaft Klettern kämpfen
wirkungsvoll und hartnäckig gegen Felssperrungen, die
Aktiven von der Selbstverwaltung der Alpenvereinsjugend
halten die Hütte und den Platz instand. Morgens setzt
man sich zu den Leuten, die nebenan vor ihren Zelten
frühstücken und von denen man immer ein oder zwei
kennt. Man legt sein Brot in die Mitte und nimmt sich
einen Kaffee. Man könnte es vermutlich auch halten wie
Oli seinerzeit: mit drei Mark kommen, mit drei Mark
wieder gehen. Mit solchen Lappalien macht man sich nicht
gleich unbeliebt. Die Leute kommen immer noch aus
Hamburg, aus Hannover, Bremen oder Braunschweig. Sie
gehen zur Schule oder arbeiten oder studieren, wie es
junge Leute eben tun. Da Krafttraining jetzt Mode ist,
sind ihre Schultern ein bißchen breiter als früher bei
uns, und sie können auch oft viel besser klettern. Sie
haben die gleichen Benzinkocher, die gleichen Isomatten
und das gleiche Lachen wie damals und strafen jene
Behauptung Lüge, daß früher immer alles besser war:
das Wetter, die Politik und die Jugend.
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