Leseprobe
aus: Malte Roeper, »Auf Abwegen«
 
Malte Roeper Malte Roeper, 1962 in Lübeck geboren, lebt heute südlich von München. Er gilt als der hoffnungsvollste Newcomer der deutschsprachigen Alpinliteratur seit Reinhard Karl.
Im Mittelpunkt seiner Erzählungen stehen extreme Abenteuer und ungewöhnliche Erlebnisse, Geschichten voll von ungebändigtem Lebenshunger, die er mit Reflexionen über Zeit und Zeitgeist sowie selbstironischen Gedanken über Sinn und Unsinn seines Handelns verknüpft. Nach dem Roman »Strategie und Müßiggang« sowie der Anthologie »Kopf in der Wand« legt Malte Roeper mit diesem Band sein bisher bestes und reifstes Werk vor.

Als Freeclimbing noch Freak-Climbing war
Die norddeutsche Kletterszene Ende der siebziger Jahre

Axels Nachname erinnerte an den ehrwürdigen Rennfahrer Sterling Moss, und in Anbetracht all der Motoren und Getriebe, die Axel zu Schrott fuhr, hatte er sich den ehrenvollen Titel Sterling Meß auch redlich verdient. Mit einer Stunde dreißig hielt er den Rekord für die Strecke von Hamburg auf den Ith, jenem Höhenrücken im Weserbergland, wo es die ersten brauchbaren Felsen gab. Diese sagenhafte Zeit hatte er allein in seinem Wagen aufgestellt, weil er, wie er damals sagte, keine anderen Insassen gefährden wollte.
Diesmal war es der PS-schwächere Renault von Eberhard, den er steuerte, und wir saßen zu fünft im Auto. Dennoch hatten wir die Ehre dabeizusein, wie Sterling Meß seinen Rekord egalisierte. Auf der Autobahn fuhr er wie immer hundertzwanzig, weil Vollgas auf der Autobahn seiner Meinung nach keinen fairen Vergleich ermöglichte. Entscheidend waren die neunzig Kilometer Landstraße von der Ausfahrt Laatzen-Pattensen bei Hannover bis hinauf auf den Ith. Nebelbänke standen wie weiße Wände aus Papier auf der kurvenreichen Strecke, und in jede Nebelbank fuhr er blindlings mit Vollgas hinein. Gnadenlos spät blinkten im Streulicht der Scheinwerfer die jeweils runden oder dreieckigen Reflektoren an den Begrenzungspfählen auf, die anzeigten, auf welcher Straßenseite der Pfahl stand und in welche Richtung die Kurve folglich ging. Jeder stierte angestrengt in den Nebel, und oft genug sah jemand anderes als Axel zuerst die neue Richtung und schrie sie ihm angsterfüllt zu.
Ich war begeistert. Wenn Axel am Steuer saß, war es wirklich Urlaub von Anfang an. Kurz nach Mitternacht erreichten wir den Ith. Eberhard und ich zerrten ein Seil und etwas Material aus dem Kofferraum und gingen sofort klettern.
Im Auto war es laut gewesen. Axels donnernde Rockmusik und unser Gekreische hatten sich zu einem ungewöhnlichen Lärmpegel summiert, so daß die quietschenden Reifen kaum mehr zu hören waren, und dazu hatte uns in jeder Kurve die Fliehkraft auf den Sitzen hin- und hergeworfen. Jetzt tapsten wir still und erwartungsvoll durch den Wald, wo es jedes Wochenende alles gab, was wir begehrten: Felsen, frische Luft und Freunde. Leis rauschte der Wind im Buchenblätterdach hoch über uns, leis klimperten die Karabiner am Gurt. Zwischen den Bäumen sah man kaum die Hand vor Augen, nur an den freistehenden der vielen verschiedenen Felsen schien der Mond hell genug. Die zwanzig Meter hohe Südwand des »Teufelstrichters‹, ein griffiger, steiler, wunderschöner Vierer, den wir regelmäßig eumelten – solo kletterten –, stand prachtvoll wie ein Sechzehnender im Licht. Um es zünftiger zu machen, seilten wir uns im Abstand von fünf Metern an und gingen gleichzeitig ohne Sicherung. Stürzte einer, lagen beide unten. Vertrauen war etwas Wundervolles.
Vom Gipfel des Felsens hatten wir einen Blick wie auf einem Gemälde von Caspar David Friedrich; sanft lief der Höhenzug, auf dem wir uns befanden, über der feuchten, fruchtbaren Ebene mit ihren weit auseinandergestreuten Dörfern. Große, dunkle Bäume standen hinter uns wie stumme Freunde, und durch die Äste lachte der Vollmond wie ein Semmelknödel.
Ein paar Felsen weiter probierte Eberhard einen Sechser. Die Route lag im Mondschatten, und ein Sechser war für unsere Verhältnisse schon bei Tageslicht unglaublich schwer. Eberhard hatte schon zahlreiche Sechser auf dem Konto und war auch Held jener fabelhaften Geschichte, als Axel und er am »Rampenweg‹ drüben in den Holzener Klippen Zwischenstand an zwei Haken gemacht hatten, die angeblich nur hielten, weil sie mit kleinen Holzstückchen im Riß verkeilt waren. Er war ein paar Jahre älter als ich, sensibel, musikalisch und trinkfest.
Routiniert knipste er seine Stablampe an und schob sie sich tief in den Mund. Als er zehn Meter hoch war, rutschte sie ihm aus den ermüdeten Kiefern und verfehlte mich knapp. Eberhard sah nichts mehr. »Ich komme!« schrie er und plumpste zwei oder drei Meter ins Seil.
So endete der glorreiche Versuch einer Nachtbegehung der Südostkante des Buchenschluchtmassivs, ein Unternehmen, an dem teilgenommen zu haben mich bis heute mit Stolz erfüllt. Auf dem Rückweg zum Zeltplatz kamen wir am »Kamel« vorbei, einem freistehenden hohen, schlanken Felsen, der im Mondschein hell wie Marmor schimmerte. Wir erkannten die Stimmen von Oli und Helmut, die gerade den »Briefkasten« kletterten und als Silhouetten vor dem Sternenhimmel zu sehen waren. Es war eine stille Begegnung mit anderen Eingeweihten, als wir ebenfalls noch den »Briefkasten« gingen, und würdevoller Abschluß einer großartigen Nacht. Auf dem Gipfel war noch irgend jemand, und der hatte Bier mitgebracht. Mehr konnte man nicht mal erträumen.
Auf jener Wiese oberhalb der Felsen im Ith trafen wir unsjedes Wochenende. Neben der Wiese steht ein hoher Buchenwald, der den Kamm und den talwärts abfallenden Hang bedeckt. Auf der Südseite des Kamms liegen der Reihenach wie an einer Perlenschnur aufgezogen die rund zwanzig Felsen der »Lüerdisser Klippen«, die ersten kletterbaren Felsen überhaupt, wenn man von Norden kommt. Das bedeutet allerdings nicht, daß es schlechte Felsen wären. Gemeinsam mit den nahegelegenen »Holzener Klippen« ist dieses Klettergebiet eines der schönsten in Deutschland. Zu derWiese gehören noch eine Hütte und ein Parkplatz, und dasganze ist der selbstverwaltete Zeltplatz der Jugend des Deutschen Alpenvereins Norddeutschland. Die JDAV-Nord war, nebenbei bemerkt, wohl die erste und einzige deutsche Institution, die ihren zu Treffen und Tagungen per Anhalteranreisenden Mitgliedern einen eigenen Kilometersatz zahlte.
Wir kamen aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen oder Niedersachsen, und wir waren damals nur ein paar Dutzend. Wenn du in Bayern wohnst, halten sie dich vielleicht für unvernünftig, wenn du kletterst. Aber in so gebirgsfernen Gegenden, in denen sie statt Föhnwetterlagen Flutwarnungen im Radio bringen, wo die Landschaft flach wie ein Bügelbrett ist, wo der Alpenverein Wattwanderungen veranstaltet, galt Kletterer sein als eine der bizarrsten menschlichen Verfehlungen seit Erfindung der Sodomie. Niemand, wirklich niemand nahm dich für voll. Hier auf dem Ith jedoch waren wir unter uns. Hier war unser Treffpunkt, unser Reservat. Hier hatten wir unsere Ruhe, um uns auszutoben. Hier konnte man alleine per Anhalter herkommen, weil man immer genug Leute zum Klettern traf und vor Ort kein Auto mehr brauchte, da die Felsen in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen waren. Am liebsten schliefen wir im Freien, am allerliebsten auf der Verletztentrage aus der Hütte, einer Art Feldbett mit abgesägten Beinen. Als Mitglieder der Jugendgruppen und Jungmannschaften des Alpenvereins brauchten wir weder etwas zu bezahlen noch uns in irgendeiner Form anzumelden. Wir waren einfach da.
Das Tolle war, daß man hier außer klettern auch gemmeln konnte. Es gab niemanden, der es hätte verbieten können. Man konnte sich auf dem Dachboden der Hütte, der als Schlafraum diente, mit fünfzehn Leuten kreischend ineinanderschmeißen und sich gegenseitig durchkitzeln, bis die ersten um Hilfe flehten, weil sie zu ersticken fürchteten. Man konnte »Schlachterball« spielen: Anzahl der Mitspieler war beliebig, es gab einen Ball und keine Regeln, außer der, daß Helme und schwere Stiefel nicht erlaubt waren. Wer sich traute, den Ball in die Hand zu nehmen und ein Stück damit zu laufen, wurde von den übrigen Mitspielern umgenietet. Außer er schaffte es, den Ball vorher wegzuwerfen oder zu schießen, am besten natürlich gegen ein Zelt von Honkies, sprich Erwachsenen. Man konnte am »Kamel« ein Seil von einem Haken des »Briefkastens« hinaus zu dem Haken an der großen Felsnase spannen und sich hinüberpendeln lassen, am besten gleich zu zweit und/oder in der Nacht. Jemand aus Bremen klaute aus einem nahegelegenen NATO-Depot eine Nebelhandgranate und verfinsterte am hellichten Tag den Zeltplatz. Man konnte auch abends eine Gaskartusche ins Lagerfeuer werfen und abwarten, wie laut es wohl knallte.
Als Jugendliche waren wir alle ein wenig auf der Suche. Man las Hesse oder Castaneda und wollte wissen, wie weit man gehen, wie schwer man klettern konnte. Was machte Spaß, welche Einfälle waren vielleicht doch zu gefährlich? Der Kampf mit der Schwerkraft, die unveränderlich kleinen Griffe an den schwierigen Passagen, das latent vorhandene, aber gegen die eigenen Fähigkeiten kalkulierbare Risiko, die unaufhaltsam hereinbrechende Dämmerung, wenn man an einer Autobahnauffahrt stand: Das hatte etwas wunderbar Reales, dem man sich wunderbarerweise – auch wenn man sich das in diesen Augenblicken manchmal wünschte – nicht entziehen konnte. Schule war Wischiwaschi, die Schwerkraft und die Angst vorm Fliegen dagegen waren unbestreitbare Tatsachen. Wir probierten aus, wie weit wir gehen konnten, und wir lernten dazu. Was nichts daran änderte, daß Glück in großen Dosen nötig war, damit wirklich nie etwas passierte.
Denn es gab durchaus Unfälle, auch tödliche. Aber die unterliefen Anfängern, die vielleicht vorsichtig, aber eben unerfahren waren. Ein junger Bursche, weder erfahren noch vorsichtig, hatte die idiotische Idee gehabt, über den »Teufelstrichter« hinabzuscheißen. Er kletterte von oben einen Meter in die Wand hinunter, legte eine Knotenschlinge in einen Riß und wollte sich hineinsetzen, aber die Schlinge kam heraus. Er stürzte bis auf den Boden und war tot. Vermutlich lag er mit heruntergelassenen Hosen dort unten, sonst hätte man die Geschichte nicht rekonstruieren können. Das war kein Gemmeln, das war pure und tödliche Dummheit: Wer keine Knotenschlinge legen kann, sollte sich nicht daran sichern.
Eines lernten wir schnell, und obwohl es niemand aussprach, war es einer der Faktoren, der das Leben auf dem Ith prägte und intensiver als das Leben in der Stadt sein ließ: Am Fels – und bei den anspruchsvolleren Gemmeleien – war jeder für sich selbst voll verantwortlich, oft auch noch für seinen Seilpartner. Niemand gab vor, was erlaubt oder verboten war, so war die Freiheit ungeheuer, und unsere Jugend war glücklich.
Beim Eumeln wurde es besonders deutlich. Dein Leben hing an deinen Fingerspitzen, und das Verrückte war: dort war es verdammt gut aufgehoben. In den meisten Fällen wußten wir ja auch genau, was wir taten. In zehn, fünfzehn, zwanzig Metern Höhe konntest du sehen, wie sich deine Hände um die Griffe schlossen und sich erst wieder lösten, um den nächsten Haltepunkt sicher zu umfassen. Besonders in leichten, aber hohen Routen befriedigte mich die ambivalente Situation, einen lebensgefährlichen Sturz mühelos vermeiden zu können. Ich genoß das Wissen, bei einem groben Fehler weit zu stürzen und im selben Moment ganz genau zu wissen, daß ich mich auf meine Hände, meine Kraft und meine Erfahrung, auf mich selbst verlassen konnte, und daß ich eben nicht stürzte, sondern lebte, atmete und mein Herz hörbar schlug. Nein, ich fiel da nicht runter, ich würde leben. Diese Verantwortung für sich selbst war eine begehrenswerte Sache, denn sie gab einem Macht über das eigene Schicksal.
Das Beste und Wertvollste am Ith waren aber eigentlich die Menschen, die man dort kennenlernte. Sie hatten irgend etwas gemeinsam, was zu benennen wir niemals imstande waren. Wenn man später woanders Kletterer traf, hatten sie die gleiche Schattierung des Charakters, tief im Getriebe ihres Hirns saß die gleiche versteckte Schraube locker. So ähnlich und artverwandt waren die Geschichten, von denen man später im Ausland hörte, daß man hätte glauben können, Klettern sei ganz allgemein eine Art genetischer Defekt.
Der bereits erwähnte Eberhard verpaßte die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule, studierte Geologie und besang fortan mit sanfter melodischer Stimme und melancholisch rollenden Äuglein das Vermessungsgerät »Theeeeo-doo-lit« und den Klassiker »Ich hör’ die Bächlein rauschen / im Walde her und hin«. Carsten aus Hamburg sollte Jahre später im Montblanc-Gebiet einen Siebzig-Meter-Sturz überleben, vorher jedoch hatte er einen Ausspruch getan, der ihn ohnehin unsterblich machte: »Er kaufte eine Lodenhose / und wetzte sich die Hoden lose.« Besonders dankbar waren wir ihm für die Übertragung des Kommunistischen Manifests auf die aktuelle Lage der kletternden Klasse: »Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Alpinismus...«. Da war Ingo aus Braunschweig, dessen Mutter ihm immer stapelweise Nutellabrote mitgab, die am Sonntagnachmittag, schön durchgeweicht, wertvoll wurden, wenn die anderen Vorräte verbraucht waren. Ingo, der braungebrannt aussehen konnte wie ein kleiner Alain Delon, hörte merkwürdige Gruppen wie »Mad Professor« und »Schimmliges Brot« und besaß eine Reihe der kaputtesten Autos, die je die Steigung hinauf auf den Ith überstanden haben. Diese Schrottmühlen wechselte er wie Delon die Frauen und andere die Unterhosen. Da war der auf seine Art merkwürdig frühreife Oli aus Hamburg, der schon mit vierzehn schwerer eumelte als seine volljährigen Begleiter, die bei einem Unfall hätten haften müssen. Wenn er nicht gerade kletterte, saß Oli meistens schweigend in einer Ecke, trug einen schmalkrempigen, gemusterten Hut wie Jack Lemmon und rauchte oder löffelte Pflaumenmus. Er konnte es fertigbringen, am Freitag mit drei Mark in den Ith zu fahren, ohne diese drei Mark am Wochenende überhaupt auszugeben. Henning aus Hannover lachte immer ziemlich krank, wenn er bekifft war, galt als der Sudelkönig und wurde Schmutzfuß genannt. Die Bremer waren ein bißchen eine Clique für sich, weil sie sofort die neue Richtung des Sportkletterns verfolgten, Krafttraining machten und Bohrhaken setzten. Wir rümpften die Nase über alles, was neu war – jugendliche Reaktionäre –, waren uns aber nicht zu vornehm, ihre Haken zu benutzen und ihre Touren zu versuchen. Es konnte und wollte jedoch niemand bestreiten, daß sie wirklich feine Kerle waren.
Der Exiltscheche Milan Sykora war in Norddeutschland der mit Abstand beste Kletterer und trieb die sportliche Entwicklung gemeinsam mit den Bremern voran. An einem Felsen namens »Krokodil« gab es eine überhängende glatte Wand mit einem zementierten Haken, in den bei Sicherungsübungen ein Achtzig-Kilo-Gewicht fallengelassen wurde. So wurde das Halten von Stürzen trainiert. Milan kletterte frei durch diese überhängende Wand, und der Ith hatte seinen ersten Siebener. Wir konnten es überhaupt nicht fassen, daß da jemand hinaufklettern konnte. Vom Ausstieg war zu allem Überfluß ein Zehn-Meter-Sturz möglich. Es war der größte Meilenstein der norddeutschen Klettergeschichte, eine starke Tour mit einem saustarken Namen: »Anaconda«. Da das schwere Eisengewicht die Griffe beschädigen könnte, bohrte Krische von der Landesjugendleitung in den Holzener Klippen an der »Drachenwand« einen neuen Sturzstand. Aber auch jene stark überhängende Wandpartie war vor Milans Kletterkünsten nicht lange sicher, und bald hatte er genau dort mit dem »Schulterweg« den ersten Neuner Norddeutschlands eröffnet. Die nächsten Jahre gab es keine Sturzübungen mehr. Milan zog später ins Frankenjura und wurde das, was man einen wirklich bedeutenden Kletterer nennt.
Wir kletterten noch viel a.f., das heißt, wir hängten uns zum Ausruhen ins Seil. Das Dumme an dieser Methode war, daß wir noch Brustgurte benutzten, die ein komfortables Hängen gar nicht zuließen. Frei hängen, also ohne Kontakt mit den Füßen zum Fels, konnte man überhaupt nicht, weil der Brustgurt einen beinahe strangulierte. Oli hatte als erster unserer Clique einen verführerisch bequemen Sitzgurt, den wir uns freudig ausliehen, um uns mit Seil von oben in kurzen Etappen die »Anaconda« hinaufzuruhen. Wir konnten uns nicht recht entscheiden zwischen Beibehaltung des Status quo, was bedeutete: keine Bohrhaken, kein Magnesia und auch sonst nichts Neues, und der neuen Richtung des sportlichen Freikletterns, die präzise sportliche Regeln aufstellte, während wir doch gerade klettern gingen, um keine Regeln vorzufinden.
Die schillerndste Figur der Szene war auf seine unnachahmliche Art für einige Jahre Helmut aus Hildesheim, genannt der Grieche. Anpassung war nicht seine Leidenschaft, und so flog er der Reihe nach von allen Realschulen seiner Heimatstadt, jobbte im Altenheim und bei der Müllabfuhr und machte den Realschulabschluß schließlich auf der Abendschule. Als seine Freundin Anke ihn zum ersten Mal sah, hing er besoffen mit einer Hand an der Regenrinne der Ith-Hütte und grölte Strophen aus »Scheiße auf der Kirchturmspitze / hey-ladi-ladi / sieht gut aus und stinkt bei Hitze / HEEEEYY-laadi-laadi-loo«. Helmut trug gebatikte Hosen und Hemden, eine große eckige Brille und schulterlange, nicht zu oft gekämmte Haare. Sein Oberkörper steckte, wenn es kühl war, in einer riesigen roten Daunenjacke, die im Notfall auch als Bremsfallschirm hätte Verwendung finden können. Seine Arme waren unglaubliche zwanzig Zentimeter länger als bei gleich großen Personen, was ihm beim Klettern einen phänomenalen Reichweitenvorteil verschaffte. Mit seinen gleichfalls sehr langen Beinen konnte er sich so eigentümlich am Fels verspreizen und verdrehen, daß man schon aus großen Entfernungen sagen konnte: Guck mal, das ist sicher Helmut.
Er liebte es, Angst zu haben. Er liebte die Sturzgrenze wie andere ein weiches Kopfkissen, und natürlich liebte er das Eumeln. Bei seinem schwersten Solo, der »Wechselverschneidung«, einem dreißig Meter hohen Sechser mit schwierigem Ausstieg, kam er vor den Augen einiger Freunde völlig ins Rotieren, wie wir das Gewackel an der Sturzgrenze nannten. Abklettern war unmöglich, und er wackelte in dreißig Meter Höhe in höchster Lebensgefahr herum. Als er den rettenden Ausstieg schließlich erreicht hatte, weinte er, so knapp war es gewesen. Eines Tages probierten wir gemeinsam eine der leichteren Touren von Milan, und allen Anstrengungen zum Trotz kam ich nicht hinauf. Helmut schaffte die Stelle auf Anhieb, war aber vom Vortag noch so betrunken, daß er einschlief, während er mich nachsicherte. Erst meine verzweifelten Schreie, doch endlich das Seil einzuziehen, nachdem ich die Schlüsselstelle ebenfalls überwunden hatte und der Strick meterweit durchhing, weckten ihn wieder. Helmut war es, der das Whisky-Nutella-Brot erfand, den unangefochtenen Rekord in »Am-meisten-Maggi-pro-Teller-Suppe« hielt und seine Umgebung mit dem Verzehr immenser Mengen Bärlauchs tyrannisierte, einer wilden Form des Knoblauchs, die im Wald neben dem Zeltplatz wuchs. Es gab noch ein anderes interessantes Gewächs dort oben: Tollkirschen. »Sechs sind tödlich«, hatten Helmut und Ingo gehört, also nahmen sie fünf. Sie merkten nichts und informierten sich ein zweites Mal. Nun lag die tödliche Dosis angeblich bei zwölf, sie nahmen vierzehn, und Helmut half mit Whisky und Schlaftabletten ein wenig nach. Er sah drei Tage lang alle Dinge auf dem Kopf. Wie man sieht: Klettern war nicht alles.
Einer der großartigsten Höhepunkte war die Sylvesterfeier 1980/81 im Hause von Kerstins völlig unwissenden Eltern in Hildesheim. Erstaunlich rasch hatte sich die Nachricht verbreitet, daß bei Kerstin etwas los war. Sterling Meß kam mit ein paar Leuten aus Hamburg, hielt mit quietschenden Reifen vor dem Haus und schoß zur Begrüßung mit einer Rakete auf den Griechen, der am Gartentor stand und ihn erwartete. Der Grieche schoß zurück, zielte schlecht, und der Rolladen am Nachbarhaus fing Feuer. Jürgen S., bei dem jeder Witz mit »Kommt ‘n Mann in ‘nen Puff« begann, schoß im Wohnzimmer mit Tränengas.
Am Neujahrstag dann schneite es in dicken Flocken. Mit der Begründung, es läge nicht genügend Schnee, ließen wir eine Skifreizeit des Alpenvereins für Kinder ausfallen und gemmelten auf der freigewordenen Malepartus-Hütte im Harz weiter. Die Entscheidung über die Schneelage hatte man rein organisatorisch schon einige Tage zuvor treffen müssen, als tatsächlich kein Schnee lag, und nun war sie auch nicht mehr zurückzunehmen. Aber es hatte den Kindern und ihren Eltern niemand gesagt, und so erfuhren sie es jetzt. Sterling Meß bretterte neben dem großen Bus auf den Bürgersteig, und während hinter ihr AC/DC aus der offenen Autotür hämmerte, erzählte Kerstin den Leuten, daß sie ihre Kinder wieder mit nach Hause nehmen müßten: »Kein Schnee« sagte sie, und gleichzeitig schneite und schneite es. Das war nun kein besonders seriöser Auftritt, und als zwei Tage später die ersten Honkies auf der Hütte erschienen, sah es dort so schlimm aus, daß einige von uns Hausverbot erhielten.
Abends oder wenn es regnete, gingen wir vom Zeltplatz hinüber ins Ith-Hotel, einem einsamen Stück deutscher Gastronomie-Kultur. Die Ortschaft Lüerdissen, die oben auf dem Kamm lag und nach der die Felsen benannt waren, bestand aus etwa fünfzehn Häusern. Wenn man nicht zufällig kletterte, war Lüerdissen für die meisten Besucher wohl einfach nur das Furunkel am Arsch der Welt. Das Bundesamt für Zivildienst hatte den teuflischen Einfall gehabt, ausgerechnet dort oben eine Zivildienstschule einzurichten, als ob die längere Dienstzeit nicht schon Strafe genug sei. Das Ith-Hotel nun lebte überwiegend von Ausflugsgästen in Reisebussen, die sich vermutlich nur deswegen dorthin verirrten, weil es geheime Absprachen mit den Busfahrern gab. An der Wand, mitten im norddeutschen Tiefland, hing die Urkunde über die Lawinen-Suchhund-Prüfung des verfetteten Schäferhundes, der zum Hotel gehörte. Kurz nachdem Becker zum ersten Mal in Wimbledon gewann, hatten sie dort einen neuen deutschen Schäferhund, und der hieß natürlich Boris. Hierher trugen wir an unseren Sohlen den dunklen feuchten Mutterboden aus dem Wald, und obwohl manche von uns bereits die Volljährigkeit erreicht hatten, war es zu niemandem von uns vorgedrungen, wozu in aller Welt ein Fußabtreter gut sein könnte. Wir saßen immer in derselben Ecke, und immer zog die gleiche Schlammspur von der Eingangstür zu unserem Tisch. Sie war nicht nur sichtbar, oft war sie so dick, daß man ihr auch ohne weiteres mit den Händen tastend hätte folgen können. Die Bedienung – zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Textes noch immer dieselbe wie damals, genau wie die Ecke der Kletterer dieselbe geblieben ist – wies uns auf den Dreck gelegentlich mit jener Sanftmut hin, wie sie wohl nur Mütter aufbringen, die an ihren eigenen Kindern erfahren haben, was Resignation wirklich bedeutet. Jeder Wink in Richtung Ordnung oder Sauberkeit freilich wurde von uns als Auswuchs verderbter, reaktionärer Weltsicht gebrandmarkt, die unseren jugendlichen Utopien von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit in grausamer Abruptheit entgegenstand. Das WC-Haus am Zeltplatz allerdings stank wirklich entsetzlich, und so stapften nicht selten Kletterer mit ihren schlammigen Schuhen die zweihundert Meter hinüber zum Ith-Hotel, am Schuhabtreter vorbei und auf die Toilette. Anschließend klaute man das Klopapier, versaute das Waschbecken und zog von dannen. Der Berg rief.
Seit jenen Zeiten sind die großen Buchen auf dem Ith um viele Jahresringe dicker geworden, und sehr vieles ist anders, als es damals war. Die rostigen Normalhaken, denen wir ahnungslos unser Leben anvertrauten, sind durch zuverlässige Bohrhaken ersetzt. Die Anzahl der Kletterer und Ith-Besucher hat sich vervielfacht. Seit im Rheinland aus hanebüchenen Umwelt-Vorwänden reihenweise Klettergebiete gesperrt wurden, sind es noch einmal wesentlich mehr geworden. Das Entscheidende, das Essentielle aber blieb: die Ith-Wiese mit der Hütte, den Maulwurfshügeln und den zwei kleinen Baumgruppen ist ein intaktes menschliches Biotop. In dem schweren Boden, der an den Schuhen ins Ith-Hotel getragen wird, gedeihen außer Bärlauch, Buchen und Tollkirschen auch Menschen mit jenem genetischen Defekt, der es ihnen beschert hat, ein Kletterer oder eine Kletterin zu werden. Die Leute von der Interessengemeinschaft Klettern kämpfen wirkungsvoll und hartnäckig gegen Felssperrungen, die Aktiven von der Selbstverwaltung der Alpenvereinsjugend halten die Hütte und den Platz instand. Morgens setzt man sich zu den Leuten, die nebenan vor ihren Zelten frühstücken und von denen man immer ein oder zwei kennt. Man legt sein Brot in die Mitte und nimmt sich einen Kaffee. Man könnte es vermutlich auch halten wie Oli seinerzeit: mit drei Mark kommen, mit drei Mark wieder gehen. Mit solchen Lappalien macht man sich nicht gleich unbeliebt. Die Leute kommen immer noch aus Hamburg, aus Hannover, Bremen oder Braunschweig. Sie gehen zur Schule oder arbeiten oder studieren, wie es junge Leute eben tun. Da Krafttraining jetzt Mode ist, sind ihre Schultern ein bißchen breiter als früher bei uns, und sie können auch oft viel besser klettern. Sie haben die gleichen Benzinkocher, die gleichen Isomatten und das gleiche Lachen wie damals und strafen jene Behauptung Lüge, daß früher immer alles besser war: das Wetter, die Politik – und die Jugend.