Leseprobe
aus: »Friedl Mutschlechner – Einer geht immer voraus«

   
Vorahnung im Basislager
von Brigitte Kammerlander
   
  10.Mai 1991 – Manaslu Basislager.

Um 5Uhr morgens wache ich auf, draußen ist es noch ziemlich kalt, ich krieche tiefer in den Schlafsack. Ich mag diese ein bis zweiStunden vor Sonnenaufgang, der Schlafsack ist so gemütlich warm, während das Zelt noch ganz starr ist vor Frost.

Ich höre, daß die Sherpa schon aufgestanden sind, wahrscheinlich sind sie am Tee kochen. Hin und wieder hört man Pema, den Küchenjungen, laut lachen. Um halb sechs kommt Hans Mutschlechner zu meinem Zelt und sagt, man könne die drei mit dem Fernglas bereits sehen. Die drei sind Friedl, Carlo und Hans, die heute den dritten Tag am Berg sind und den Gipfel versuchen wollen.

Ich öffne das Zelt, der Reißverschluß ist noch ganz vereist. Der Manaslu leuchtet heute gelb und rot in der Morgensonne, richtig einladend sieht er aus. Komisch, so lieblich und freundlich, wie er mich im Moment anlächelt, so furchterregend und gewaltig erdrückt er mich, wenn es schneit, blitzt und donnert.

Ich nehme das Fernglas, sehe aber nichts, weil die Gläser in der Kälte sofort beschlagen. Ich lege mich zurück in den Schlafsack, stecke das Fernglas hinein und warte zehn Minuten. Dann stehe ich auf, ziehe Jacke und Schuhe an und krieche aus dem Zelt. Ich gehe zu Hans Mutschlechner, der weiter unten an einem Stein hockt und hinauf in die Wand schaut. Er erklärt mir genau, in welcher Flanke des Berges ich die drei suchen soll, und bald darauf erkenne ich sie auch als drei Punkte, die sich aufwärts bewegen. Um sechs Uhr erwarten wir einen Funkspruch. Es meldet sich niemand, was uns nicht weiter beunruhigt, da wir die drei ja beobachten können. Plötzlich erkennen wir deutlich, daß sich ein Punkt wieder abwärts, in Richtung Lager III, bewegt. Die anderen zwei steigen weiter, bei öfterem Hinschauen sehen wir deutlich, wie schnell sich die beiden nach oben bewegen. Die müssen gut drauf sein heute. Mittlerweile ist die ganze Mannschaft aufgestanden, und abwechselnd beobachten wir die Kletterer oben am Manaslu. Um halb achtUhr gibt es Frühstück.

Plötzlich ein Funkspruch von Hans: Friedl sei umgekehrt wegen seiner Finger, Carlo wisse noch nicht, er würde wahrscheinlich auch zurückgehen, da er keinen Pickel dabei habe. Er, Hans, würde noch ein Stück weitergehen, vielleicht bis zum Grat. Es sei sehr kalt und windig, so daß er sich teilweise am Pickel festhalten müsse, um nicht aus der Wand geschleudert zu werden. Er würde sich später wieder melden.Carlo können wir nun durch das Fernglas Richtung Lager III absteigen sehen, Hans klettert weiter nach oben, er ist schnell, schneller als es vor drei Tagen die Russen im Abstieg waren.

Ich mag nicht mehr nach oben schauen, es macht mir Angst. Die anderen beobachten weiterhin und halten mich auf dem laufenden. Carlo sei bei den Zelten angelangt, gehe aber nicht hinein, sondern würde sich dort auf und ab bewegen. Wir nehmen an, er fotografiert.

Hans klettert weiter aufwärts, plötzlich wieder ein Funkspruch von ihm, es sei bitterkalt, der Wind sei jetzt fast orkanartig. Hans sagt, er würde sich wohl auch zum Umkehren entscheiden. Wir beobachten anschließend mit dem Fernglas, daß er sich noch etwa 20 Meter aufwärts bewegt, stehen bleibt, er überlegt wohl, und dann sehen wir ihn absteigen. Ich muß zugeben, ich bin erleichtert.

Die Expedition ist damit zu Ende. Schade, kein Gipfel, aber eine große neue Erfahrung. Jeder hatte seine Chance, jeder hat seine Erfahrung gemacht. Die Stimmung ist gut, keine hängenden Köpfe. Hans, Erich und ich sitzen bei Sherpa Tham, der lustige Geschichten erzählt, die er in Europa erlebt hat. Gregor sitzt im Zelt und schreibt Tagebuch, Werner ist drüben am Bach, Stefan fotografiert, und Christian liest im Zelt. Hans und ich überlegen, daß wir am Abend Friedl sagen werden, daß seine Frau Marianne in Gurkha wartet, damit er gleich absteigen kann. Wir beschließen, die Flasche Wein, die ich mitgebracht hatte, am Abend zu trinken, zusammen mit dem Kaviar, den uns die Russen geschenkt hatten.

Oben in der Manaslu-Wand kommt der übliche Nebel, an diesem Tag früher als sonst. Wir können nichts mehr beobachten, was nicht weiter schlimm für uns ist, wir wissen ja, daß sich die drei im Abstieg befinden.

Plötzlich um halb elf wieder ein Funkspruch von Hans, wir sollen gefaßt sein, eine schlechte Nachricht: Er und Friedl hätten Carlo 150Meter unterhalb der Zelte tot aufgefunden. Wahrscheinlich Genickbruch. Sie könnten sich das nicht erklären, es sei zu flach hier abzustürzen. Ich höre noch etwas von »... Friedl im Zelt geschlafen ... Steigeisen verloren ... abgerutscht ...«. Dann Ende des Funkspruches.

Wir sind wie gelähmt, das kann doch gar nicht sein, die Expedition ist doch schon so gut wie zu Ende. Gregor stammelt immer wieder, mein Gott, mein Gott, Carlo tot?! Carlo war sein bester Freund. Wie konnte das passieren, wir sahen ihn doch sicher bei den Zelten ankommen. Vielleicht können uns Hans und Friedl doch noch etwas mehr darüber sagen, wenn sie wieder im Basislager sind. Wir lassen das Funkgerät auf Empfang, damit sich die beiden jederzeit bei uns melden können.

Wir sitzen im Zelt, die Sherpa bringen das Mittagessen. Keiner spricht. Plötzlich fängt Gregor an zu erzählen, von Carlos Bar, von seiner Freundin Thea, davon, daß er bald heiraten wollte, von den zahlreichen Touren, die sie gemeinsam gemacht hatten. Gregor tut mir so leid, wie er dasitzt und redet und redet, als könne er Carlo wieder lebendig reden.

Das Wetter wird schlecht wie jeden Tag um die Mittagszeit. Mir ist ziemlich elend, ich warte auf einen Funkspruch von den beiden. Doch wir hören nichts, den ganzen Nachmittag lang, ich werde zusehends nervöser, ich habe wahnsinnige Angst und weiß nicht wovor. Hans und Friedl brauchen nur ins Basislager abzusteigen, ein Weg ohne Probleme, ein Weg, den sie gut kennen, eine Kleinigkeit. Ein Abstieg wie zahlreiche vorher am Makalu, am Lhotse, am Dhaulagiri. Warum also diese Angst?

So sehr ich mich auch bemühe, alles logisch und objektiv zu betrachten, ich habe Angst, aber wovor und warum? Ich bin doch sonst nicht so zimperlich. Gibt es so etwas wie Vorahnung? Ich glaube eigentlich nicht daran.

Mittlerweile schneit es sehr stark, schon bald ist das ganze Basislager weiß. Ich setze mich in die Sherpa-Küche ans Feuer, Pema bringt mir Tee. Um halb vierUhr nachmittags zieht ein Gewitter auf, es blitzt ununterbrochen. Während meines Anmarsches ins Basislager hatte mir Tham einmal erzählt, daß er von Friedl und Hans geträumt hätte, er wirkte bedrückt. Tham sagte mir, das Manaslu-Basislager sei kein guter Platz. Ich wollte nicht weiter fragen. Damals lag ich müde in der warmen Nepalsonne, ein schöner Wandertag lag hinter mir, ich wollte keine negativen Gedanken aufkommen lassen. Jetzt muß ich dauernd daran denken.

 

  Mein Gott, warum melden sich die beiden denn nicht? Ich schaue ins Freie; plötzlich sehe ich, daß die Gebetsfahnen gerissen sind. Zufall? Ich setze mich wieder zu den Sherpa ans Feuer, habe jedoch Angst, mit ihnen über den Vorfall zu sprechen; ich weiß, daß sie es auch gesehen haben. Keiner spricht darüber, bedeutet dies in den Augen der Sherpa doch großes Unheil. Ich weigere mich, daran zu denken.
Hans Mutschlechner setzt sich zu mir. Wir sind ganz still, wärmen uns Hände und Füße am Feuer.

Plötzlich um 17Uhr rauscht das Funkgerät. Wir stürzen ins Freie, um besseren Kontakt zu bekommen. Wir hören Hans: »Bei uns ist die Hölle los, ich trau mich fast nicht, es auszusprechen, aber gerade hat den Friedl der Blitz erschlagen.« Hans Mutschlechner antwortet: »Hans, Hans, ich habe verstanden, der Friedl ist vom Blitz erschlagen worden.« Dann weiß ich nichts mehr. Irgendwann merke ich, daß mich Werner in den Armen hält, ich weine laut und schreie nach Friedl. Und Marianne, mein Gott, ich hatte Marianne dazu überredet, nach Nepal zu kommen. Ich kann mich nicht mehr beruhigen, ich weine, weine und weine. Und Hans, mein Hans ganz alleine da oben in dem Gewitter und neben ihm sein toter Freund.

Ich glaubte das nicht mehr aushalten zu können.

Nach einer Viertelstunde funkt Hans erneut: es sei ein furchtbares Gewitter, dazu Nebel und Schnee. Ich schreie ins Funkgerät, er solle doch endlich von dem Scheißberg herunterkommen. Er kann mich nicht verstehen. Gregor nimmt mir schließlich das Funkgerät aus der Hand und redet vernünftig mit Hans. Hans wünscht, daß am nächsten Tag einige von der Gruppe aufsteigen, um Friedl zu begraben.

  Ich gehe wieder zurück zu den Sherpa, Tränen laufen und laufen über mein Gesicht. Friedl war doch unverwundbar, genauso unverwundbar, wie Hans und Reinhold es in meinen Augen immer waren. Hans Mutschlechner versucht mich zu trösten, ich höre nicht zu, ich kann nur weinen.

Welchen Sinn hat das alles? Ist der Manaslu dieses unendliche Leid wert?

Die folgende Nacht liege ich wach im Schlafsack, es wird mir klar, daß Hans genauso hätte tot sein können. – Wieviel Glück hat der Mensch? Unzählige Male war es auf seiner Seite: im Eisfall des Khumbu-Gletschers, am Ortler, am Nanga Parbat, in den Dolomiten, oft haarscharf an der Katastrophe vorbei, und jetzt wieder am Manaslu. Wann ist das Potential des Glücks erschöpft? Es wird keinen Sinn haben, wenn ich mit klaren und nüchternen Argumenten versuche, Hans vom Bergsteigen abzubringen. Die Berge werden sein Leben bleiben und damit wohl meines auch.